DREHTAGEBUCH - Unterwegs in Israel und den besetzten Gebieten (2004/ 2005)

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DREHTAGEBUCH II - Unterwegs in den israelisch besetzten Gebieten


Ihr Bau ist von der UNO verurteilt, die Landnahme als völkerrechtswidrig anerkannt. Trotzdem baut Israel die Mauer weiter. Im November 2005 hat interpool.tv den deutschen Fotografen Kai Wiedenhöfer begleitet, der dies dokumentiert.


fri, 11.11.05 - 7:14 p.m.

Kaum angekommen, schon geht es los. Auf nach Bili'ien, im westlichen West-Bank. Für den Mittag ist eine Demonstration gegen den Bau der Mauer angekündigt. Wie jeden Woche nach dem Freitagsgebet. Unweit der Moschee ein Haus mit lauter Fremden. Friedensaktivisten aus Frankreich, Kanada, den USA und Israel. Auf dem Kühlschrank klebt ein A3 grosser Zettel. In roter Schrift steht darauf: "Kauft keine israelischen Produkte".

Das Gebet ist beendet, der Marsch beginnt. Zahlreiche Demonstranten tragen Arafat-Masken. Es ist ein Jahr her, als er in Frankreich starb. Wenig später sind wir inmitten von Olivenhainen. In der Ferne wartet ruhig das Militär. Plötzlich schwenkt die Menge nach rechts, beginnt zu rennen. Einer erklimmt einen zehn Meter Hügel voller Bauschutt, befestigt zwei Fahnen auf dem Gipfel. Ein Tieflader rollt heran, Soldaten eilen herbei. Palätinenser und Militär stehen sich gegenüber. Der Bagger fährt rückwärts.

Dann kommen von der Seite die internationalen Demonstranten, setzen sich vor den Tieflader. Sie wollen die Bauarbeiten behindern. Das israelische Militär ist überrascht und überlistet. Das haben sie nicht so gern. Tritte, Schläge, Schreie. Eine Soldatin reisst einem blonden Demonstranten ein Büschel Haare aus, schlägt ihm mit einem Stock in die Nieren. Wenige Minuten später wird sie inmitten der Gruppe eine Blendschockgranate zünden. Dann ist erst einmal alles ruhig. Eine Stunde lang.

drehtagebuch2_israel_02.jpgPlötzlich geht es wieder los. Ohne Vorwarnung. Das Militär stürmt vor, Tränengas wird eingesetzt. Kai und ich sind auf den Huegel geklettert, beobachten das Ganze von Weitem. Die Soldaten gehen zurück - sie sind ins eigene CS-Gas gelaufen. Der Wind kam halt von vorn. Drei Israelis werden festgenommen, ein Palästinenser kollabiert. Am Horizont lassen Jugendliche ihre Steinschleuder kreisen.

Nach dem Einsatz. Die Soldaten lachen und scherzen, führen sich gegenseitig anschaulich ihre Taten vor. Dort ein Faustschlag, hier ein Hieb. Alltag in der West-Bank, an einem ganz normalen Freitagmittag. Dort, wo schon in einigen Monaten eine neun Meter hohe Mauer in den Himmel ragen soll.

sat, 12.11.05 - 6:39 p.m.

Der Tag ging nicht gut los. Erst das Auto eingeschlagen, dann die Protestdemo an der Mauer abgesagt. Was solls, kann nicht jeder Tag voller Aktion sein. Gestern ging es ja ziemlich rund, die Filmaufnahmen sind gut geworden. So hatten wir Zeit eine Schule in Anata zu besuchen, durch deren Schulhof nun die Mauer geht. Absurd.

Der Schuldirektor führt uns aufs Flachdach. Von oben können wir auf das Basketballfeld blicken. Auf der Mittellinie - Betonteile. Sie bilden jetzt eine Wand zum Fussballspielen. Im Sportunterricht laufen die Schueler nun kleinere Runden - die andere Hälfte ihres Pausenhofes liegt im Niemandsland. Ein Lehrer zeigt uns Erinnerungsstücke. Gasgranaten, und leere Aluminiumhülsen, gefunden im Umfeld der Bildungsstätte. Anschauliche Andenken an Auseinandersetzungen mit israelischen Soldaten vor einigen Monaten. Im Schulflur hängen Wandzeitungen. Auf ihnen die Idole der Jugendlichen: das Team von Weltmeister Brasilien, Zinedine Zidane und Michael Ballack. Daneben drei Bodybuilder aus Palästina.

Weiter nach Al Ram. Dort wo heute eigentlich die Demo stattfinden sollte. Durch einen Lüecke im Beton quält sich der Feierabendverkehr. Die Kreuzung, auf der wir vor einem Jahr Filmaufnahmen machten, ist komplett abgeriegelt. Später sehen wir erste Graffities: "The wall must fall" und der Schattenriss eines Mädchens, die von Luftballonen in die Lüfte gehoben, über die Mauer fliegt. Eine schöne Illusion.

sun, 13.11.05 - 4:55 p.m.

Gute Fotografen stehen früh auf, bessere noch etwas eher. Also 05:15 Uhr den Handy-Wecker gestellt, vor Schreck aber schon eine dreiviertel Stunde vorher wach gewesen. Im Sonnenaufgang geht es zum Qalandiya-Checkpoint. Hier ist die Mauer in einem Jahr mächtig zusammen gewachsen. Über all dem trohnt ein mehr als zehn Meter hoher Wachturm, der aber noch nicht besetzt ist. An Strassenstaenden wird Kaffee und süsse Teilchen verkauft, staendig hupt es. Taxies und Laster drängeln aneinander vorbei, wirbeln jede Menge Dreck auf. Da bleibt keine Linse lange sauber. In all dem Chaos hat es sich ein Mann auf eine neuen Kleinbussitzbank gemütlich gemacht. Hinter ihm stehen Mauerteile. Ein perfektes Motiv.

Dann weiter zur Schule mit dem geteilten Pausenhof. Wir kommen gerade recht, der Unterricht hat noch nicht begonnen. Nach zweifachem klingeln stehen sich die rund 700 hintereinander in ein Dutzend Reihen. Lehrer gehen auf und ab, schwingen 30 Zentimeter lange schwarze Stöcke. Aus dem Lautsprecher dröhnt eine Stimme - zum Tagesbeginn gibt es dann ein wenig Frühsport. Kurz darauf erschallt die palästinensische Hymne und die Jungs strömen in den Schulbau.

Am Rande steht eine Pressluftbagger. Er wird in den nächsten Stunden für Krach sorgen. Schliesslich muss der Schulhof erweitert werden, seitwärts. Nach hinten geht nicht mehr. Da ist jetzt Niemandsland, stehen heute zwei Jeeps der israelischen Armee. Gegen acht Uhr beginnt die Schule. Im Sportunterricht hopsen Achtjährige über die Sockel von Mauerteilen. So kann man auch fit fürs Leben werden.

drehtagebuch2_israel_06.jpg Mittag am Grab von Arafat in Ramallah. Hübsch ist es geworden. Kurz geschnittener Rasen umgibt den Marmorfussboden, der Staub vom November 2004 ist verschwunden. Ueber dem Grab ein gläsernes Mouseleum. Es duftet nach frisch geschnittenen Blumen. Wenig Besuch ist gekommen. Am Eingang zur Muktata lungern vier Journalisten herum. Heute sollen noch ein paar Aussenminister aus Europa kommen, morgen hat sich Condolezza Rice angesagt. Routinearbeit. "Nichts hat sich geändert, Nichts" sagt einer der Fotografen schulterzuckend als wir ihn auf den ersten Todestag von Jassir Arafat ansprechen.

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drehtagebuch2_israel_01.jpgmon, 14.11.2005 - 7:15 p.m.

Auf Erkundungstour im Norden der West-Bank. In ein Gebiet, in das sich eigentlich nie Touristen verirren. Das Absurde beginnt am Checkpoint in Tulkarem. Wir fahren in das Westjordanland, erwischen die falsche Strasse. Umdrehen, zurueck zum Checkpoint. Von der Westbank in die Westbank - und da beginnt das Problem. Die Pässe werden abgenommen, dann wird telefoniert, wir müssen zur Seite fahren. Nach zehn Minuten dann "you can go". Zwanzig Meter weiter, der nächste Checkpoint. Gerade wird ein Laster kontrolliert. Vor uns vier Autos. Ein paar Minuten dann rollt der Verkehr, alle fahren zuegig durch. Die Soldaten stehen teilnahmslos mit dem Rücken zur Strasse. Auch wir passieren. Nach dreizig Metern hämmert es auf das Dach, ein Soldat steht neben dem Fenster. "STOP, go back". Verstehe einer die Welt.

"TO EXIST IS TO RESIST" - diese Losung hat ein mexikanischer Künstler auf den Beton gestrichen. Wir sind in Nazlat Issa, dort wo der Betonwall quer durch das Dorf geht. Auf einer Terasse sitzt ein Vater und hilft seinen Kindern bei der Hausaufgaben. Hinter ihm seine leere Fleischerei. Vor ihm rollt sich der Stacheldraht, reckt sich Beton in den Himmel. Hier gibt es keine Sonne mehr.

Er begrüsst uns freundlich. Kai Wiedenhoefer kennt er schon. Er hat hier schon vor Jahren fotografiert. Als die Mauer noch nicht stand, Häuser eingerissen wurden. "Kai, wenn du in zehn Jahren wiederkommst, wird es genauso aussehen". Seine warmen braunen Augen blicken ins Leere. Es ist eine traurige, eine bittere Geschichte.

drehtagebuch2_israel_04.jpgWenig später laufen wir eine Anhöhe hinauf. Jasif zeigt uns den "Sicherheitszaun". Das ist der Teil, der Grenzlinie, an dem keine Mauer steht. Oben gibt es ein Tor erklärt er uns. Dort geht es zu ihrem ehemaligen Land, zu ihren Olivenbäumen. Geöffnet ist von 7 bis 9 Uhr am Morgen und dann noch um die Mittagszeit. Er selbst hat keine Genehmigung zu passieren, aber ein Besuchervisum für Schweden in der Tasche. Von dort will er nicht mehr zurückkehren. Hier, in Nazzlat Isla - in der nördlichen Westbank - gibt es keine Zukunft mehr, erzählt er uns


tue, 15.11.2005 - 7:33 p.m.

Im Auto nach Bethlehem. Dort wo vor einigen Tagen noch die israelischen Posten standen, ist alles verwaist. Ist über Nacht der Frieden angebrochen?! Mitnichten. Am Morgen wurde eine moderne Abfertigungsanlage in Betrieb genommen. Wir müssen vor einem schußsicherem Postenhäuschen halten. Dann geht elektronischen Schranke auf, die Schiene mit dem neuen Stahlspitzen versinkt im Boden. Seit 7 Uhr Morgens hat das Provisorium der Grenzabfertigung hat ein Ende. Pünktlich zum palästinensischen Unabhängigkeitstag.

Wenig später im Flüchtlingslager Aida. An der Zufahrt - mitten auf der Strasse - zwei blaue Müllcontainer. Sie geben eine hervorragende Deckung ab. 50 Meter weiter ist der neue Grenzturm am Sockel bereits kohlrabenschwarz. Weiter oben haben Dutzende Farbbeutel ihr Ziel nicht verfehlt. Wir halten an einer Fabrik deren eine Seite wie eine Fischdose aufgerissen ist. "Hier ist eine Panzergranate eingeschlagen" sagt Kai Wiedenhöfer. 2002 zu den Zeiten der Zweiten Intifada. Auch hier Graffiti und davor jede Menge Bauschutt. Es stinkt wie auf einer Müllkippe. Gemütlich ist es hier nicht. Beim Rausfahren immer schoen relaxt bleiben. Die Schweiben runter, entspannt winken. Nit einer gelben isrealischen Autonummer ist man hier nicht wirklich beliebt. Egal ob ein TV-Zeichen vorne klebt. Das Auto vor uns bekommt einen Stein ab, wir passieren ohne das es irgendwo einschlägt.

drehtagebuch2_israel_03.jpgthu, 17.11.2005 - 2:47 p.m.

Ein japanischer Tourist steht vor einem Drehkreuz aus Stahl. Es piept unablässig, nacheinander leuchtet eine grüne und eine rote Lampe auf. Nix geht. Der Japaner ist gefangen. Dabei wollte er doch nur von Bethlehem nach Jerusalem gelangen.
Ende eines Ausflug zur Geburtskirche Jesu.

Nur noch wenige Touristen verirren sich an diesen biblischen Ort. Der Platz vor der einstigen Besucherattraktion im Westjordanland ist weitgend leer, durchs Kirchenschiff kann man ungehindert schlendern. Der Bürgermeister von Bethlehem wähnte seine Stadt jüngst bereits kurz vor der Pleite.

Doch einen Japanaer hält bekanntlich wenig vom Reisen ab. Auch vier Drehkreuze nicht. Das grell helle Neonlicht in der neuen Abfertigungsanlage am Checkpoint in Bethlehem dürfte manchem Globetrotter bekannt vorkommen. Auch am Grenzübergang Berlin-Friedrichstrasse leuchtete es einst ähnlich.

Mit dem Mauerbau schafft Israel Fakten. Mit den neuen Checkpoints auch. Das sind keine provisorischen Kontrollstellen mehr, sondern befestigte Grenzübergänge. Und die Mauer: im Norden der West-Bank ist die Grenze durchgehend, in Jerusalem ist dies nur noch eine Frage von Monaten. Mit der kompletten Abriegelung wäre dann auch ein eigener Palästinenserstaat möglich. Vielleicht hat die israelische Regierung genau das im Sinn. Willkommen im dann grössten Gefängnis der Welt, möchte man fast zynisch meinen.

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