DREHTAGEBUCH - Unterwegs in Israel und den besetzten Gebieten (2004/ 2005)

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fri, 12.11.04 - 09:38

Am Tag von Arafats Beerdigung herrscht Ausnahmezustand in Israel. Die Jerusalemer Altstadt ist abgesperrt, ebenso die Übergänge zur Westbank. An jeder Strassenkreuzung Polizei, Zufahrten sind mit quergestellten Lastern gesichert. Am israelischen Checkpoint nach Ramallah werden wir rausgewunken, müssen aussteigen. Der Grund: meine fehlende Press-Card. Ich zeige meinen Reisepass, das Visum, den deutschen Presseausweis. Ein Soldat telefoniert, ein anderer erklärt uns: dies wäre nur zu unserer eigenen Sicherheit. Aha. Dann kommt der Soldat zurück erklärt etwas auf Hebräisch, sein Gesichtsausdruck sagt alles. Zurück nach Jerusalem - Press-Card besorgen. Da dauert Stunden und Arafat wartet nicht. Eine Chance gibt es noch - Qalandiya!

drehtagebuch1_israel_04.jpgfri, 12.11.04 - 11:26
Erneut Strassenkontrolle. Vor uns müssen Autos umkehren. Diesmal zeigen wir nur unsere deutschen Reisepässe - und haben Glück! In Qalandiya laufe ich als Fussgänger einfach durch, der Kanadische Fotograf Ethan Eisenberg begleitet mich. Kai fährt allein mit dem Auto auf die andere Seite. Ein Glück, jetzt kann sich der Puls erst einmal beruhigen!

In Ramallah an Arafats Amtssitz sind über Nacht zahlreiche TV-Gerüste sprichwörtlich aus dem Boden gewachsen. Tausende Euro bezahlen die internationalen TV-Stationen hier für einen Balkon mit Blick über die Muktata - der dann als Hintergrund für die LIVE-Schaltungen in alle Welt dient. Dutzende Kleinbusse halten, bringen Palästinenser aus der gesamten Westbank. Wir versuchen über das Westtor in die Muktata zu kommen. Am Tor mit dem VIP-Eingang versprechen wir uns die grössten Chancen. "Ich bin immer reingekommen" sagt Kai Wiedenhöfer. Er wird Recht behalten - zwei Stunden später.

drehtagebuch1_israel_05.jpgfri, 12.11.04 - 13:12

Nach einer Stunde Drängelei wechseln wir die Strategie. Steigen auf einen Laster, setzen uns auf den roten Teppich. Den brauchen die doch bestimmt zur Beerdigung! Hilft alles nichts, wir müssen runter. Dann stecken wir uns die Buttons einer israelisch-palästinensischen Friedensdelegation an, die zur Beerdigung gekommen ist. Aber auch die kommen am Westtor keinen Schritt weiter. Von überall her strömen Trauernde - wollen Jasir Arafat einen letzten Dienst erweisen. Tumulte am Eingangstor, Dreck und Steine fliegen. Dann bahnt sich das Volk seinen Weg!

drehtagebuch1_israel_03.jpgfri, 12.11.04 - 14:43

Unruhe kommt auf, Arme strecken sich. Ein Zirren das immer lauter wird. Dann erscheinen zwei Hubschrauber am blauen Himmel. Sie bringen den Sarg von Arafat aus Kairo zur Beisetzung zum Gelände der Muktata. Im ehemaligen Amtssitz, wo Arafat beerdigt werden soll, haben sich über 100 000 Palästinenser versammelt. Staub und Dreck wird aufgewirbelt. Tausende hocken am Rand, die Hände zum Schutz vor dem Gesicht. Gerade hat es meine Basecap irgendwo hingeweht, ich werde sie nachher nicht mehr finden. Neben mir drückt der Luftzug des Helikopters einen Palestinenser zu Boden, der unentwegt das Viktory-Zeichen hochhält.
drehtagebuch1_israel_02.jpgDann wird es still, erste Schüsse fallen, Tausende beginnen den Landeplatz zu stürmen. Polizisten versuchen mit Warnschüssen die Menge zurück zu drängen - immer und immer. Verletzte werden hektisch am Rand behandelt, Notbeatmung im Chaos. Nach 20 Minuten fährt eine Kleinlaster rückwärts und ohne Erbarmen in die Menge - ein Wunder dass es hier keine Schwerverletzten gibt. Dann wird der Sarg Arafats ausgeladen.

fri, 12.11.04 - 20:09

Unfassbar! Nichts geht mehr!! Über Hunderttausend Menschen auf dem Gelände der Mukata. Sie wollen den Sarg berühren, Abschied von ihrem Präsidenten nehmen. Wir mittendrin. Handys funktionieren stundenlang nicht, Chaos pur.
drehtagebuch1_israel_01.jpgDie Maueröffnung war ein Kaffeekränzchen dagegen. Im vierten Anlauf (nach über einer halben Stunde Drängelei) gelingt es mir zum Grab Arafats vorzudringen. Ich habe Glück - gerade wird Erde draufgeschüttet. Ein wenig unwürdig wirkt die Szene schon - für eine Beerdigung eines der umstrittensten Männer des 20.Jahrhunderts. Der Dreck der aus blauen Plastiksäcken in das Grab entleert wird, es soll sich dabei um die "heilige" Erde vom Jerusalemer Tempelberg handeln. Ich ahne all dies nicht, drehe einfach. Versuche der tiefstehenden Sonne auszuweichen, die von vorn in die Linse scheint. Der Puls rast - es ist wohl ein historischer Moment, den ich da gerade filme. Ich bin einer von zwei Kameramännern die die Szene festhält - die exclusiven Bilder laufen am Abend mehrfach in den ZDF-Abendnachrichten. Immerhin ist nun die Reise finanziert. Wenn mir nur nicht im Gedränge die Mappe mit den Geldkarten und Bargeld aus dem eigentlich verschlossenen Rucksack geklaut wäre. Na ja - nur der nichts macht, dem nichts passiert.

sat, 13.11.04 - 16:47

Es ist wie die Erleichterung nach einem Sturm. In Ramallah ist nach Arafats Beerdigung Ruhe eingekehrt. Vereinzelte Besucher am Grab - vor allem Palestinensische Politiker waren heute in der Mukata. Ansonsten herrscht eher eine neue Art der Gelassenheit, als wäre endlich eine Ära vorbei. Hinzu kommt, dass heute der Fastenmonat zu Ende. Essen und trinken im Hellen - man glaubt gar nicht wie gut das sein kann!

drehtagebuch1_israel_10.jpgsun, 14.11.04 - 11:20

Nach ein paar Stunden am Grab von Arafat sind wir gestern noch zur Mauer nach Qalandiya und Abu Dis gefahren. In Abu Dis, einem südöstlichen Stadtteil von Jerusalem durchschneidet sie das Wohnviertel. Als Grenzübergang dient ein Kirchentor, über den angrenzenden Olivengarten kommt man in die besetzten Gebiete. Auch hier wieder Willkür bei den Kontrollen. Weiter oben ein kilometerlanger Betonwall, der neun Meter in den Himmel ragt. In der Abendsonne ein israelischer Militärjeep auf Patrouillienfahrt. Die Berliner Mauer war nur halb so hoch.

mon, 15.11.04 - 11:03

Gestern Filmaufnahmen in Ram gemacht. Dort wird gerade eine Kreuzung zwischen zwei Mauerstuecken dicht gemacht. Kinder, Frauen und Greise steigen ueber den Schuttwall - noch. Ob hier ein Checkpoint entsteht, weiss keiner der angrenzenden Ladenbesitzer.
drehtagebuch1_israel_11.jpgDie Mauer verläuft an dieser Stelle fünf Kilometer hinter der eigentlich gültigen Grenzlinie von 1967. Aber erst einmal hat Israel Fakten geschaffen.

mon, 15.11.04 - 17:17

Mit Arafats Tod scheint Bewegung in einen festgefahrenen Konflikt gekommen zu sein. Glaubt man zumindest den NEWS aus aller Welt. In Bethlehem wird eifrig an der Mauer weitergebaut und in Ram haben findige Palästinenser über Nacht Schutt beiseite geschoben. Der Verkehr an der Kreuzung läuft wieder - doch wie lange noch?!

wed, 17.11.04 - 16:43

Die Ausreisekontrolle in Israel: als wär man als Schwerverbrecher unterwegs! Erst vor dem Flughafen - weil ich mit einem arabisch aussehenden Taxifahrer gefahren bin. Dann vor dem Check In - eine halbe Stunde Frage auf Frage. Wo gewohnt, was unternommen, mit wem geredet ....

Dann wollten sie die Bänder sehen. Instinktiv hatte ich Betende an der Klagemauer reingelegt. Zehn Minuten von neun Stunden Material. Dann wollten sie Aufnahmen aus Ramallah sehen. Mist, auch das noch. Jetzt gibt es richtig Ärger!

drehtagebuch1_israel_12.jpgIrgendwie habe ich sie dann doch noch mit meinen zwei Büchern ablenken können. Ein simpler Israel Reiseführer für 9,90 Euro hat mir die Bänder und damit wohl auch die Dokumentation gerettet. Wozu das alles? Für die Sicherheit Israels?? Wenn man das Land verlassen will???

Fotos:
Screenshots interpool.tv, Fred Kowasch Filmproduktion


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