Die Stille nach dem Fernsehpreis - Meine Erlebnisse bei ARD und ZDF (5)

Eine Hintergrundgeschichte in fünf Teilen

von Fred Kowasch

Wenn man selbst Abstand gewonnen hat, ist es durchaus angebracht, etwas ins Plaudern zu kommen. Vor allem, wenn man das Objekt - über dass seit einigen Wochen viele reden - aus dem Innersten kennt. Mehr als 25 Jahre habe ich für ARD und ZDF gearbeitet. Zunächst fünf Jahre als freier Mitarbeiter, dann als Journalist, der eine Produktionsfirma betreibt. Dabei lernt man Einiges kennen. Stoff genug für ein Buch allemal. Über den RBB (früher SFB), den MDR, das ZDF und den WDR ....


Herbst 2007
ZDF-Morgenmagazin, zdf.reporter, ‚Sport inside‘ vom WDR. Es hatte für mich immer einen besonderen Reiz, etwas Neues zu machen. Bei einem neuen TV-Format von Anfang an dabei zu  sein. Diese Aufbruchsstimmung, diese Lust am Experiment, dieser gemeinsame Wille eine Sendung auch bekannt zu machen. Erleben, wie die eigene Arbeit wirkt.  

So auch bei ‚Sport inside‘. Engagierte Redakteure, die Lust auf ein Experiment hatten. Denen Widerstand - auch innerhalb der WDR-Sportredaktion (zu der auch die Sportschau zählt) - egal war. Eine Sendung, die eigene Themen setzte, sich dem investigativen Sportjournalismus widmete. So etwas gab es bis dato nicht in der deutschen TV-Landschaft. Die Zeit schien - nach all den Doping-Skandalen um das ‚Team Telekom’ - einfach reif dafür.  

Was hinzu kam: während Redaktionen wie Frontal 21 für Auftrags-Produzenten immer unattraktiver wurden (ja, investigativer Journalismus kostet viel Geld), konnte man als Produzent beim WDR aus dem Vollen schöpfen. Der Etat der Sportschau, aus dem ‚Sport inside’ im Wesentlichen finanziert wurde, schien gut gefüllt. Die Sendung - das ‚Baby‘ von WDR-Sportchef Steffen Simon. Ein cleveres Baby, das Schlagzeilen machte, für Fernsehpreise nominiert wurde, der Sporteventberichterstattung kritische Inhalte entgegensetzte. Faktisch damit die hohen Sportrechtekosten argumentativ legitimierte.  
fernsehpreis 2011 roter teppich1Aftershowparty beim Deutschen Fernsehpreis 2011 in Köln. Foto: Fred Kowasch. All Rights Reserved.

In einer der ersten Sendungen - ein medialer Paukenschlag. Deutscher Tennisprofi behauptet: Spiele abgesprochen und Wetten manipuliert. Obwohl die TV-Quote an diesem Montagabend im WDR-Programm sehr überschaubar war - das Medienecho danach ist es nicht. Eine halbe Seite in der BILD-Zeitung, der britische Guardian berichtet, selbst die US-amerikanische Tennis-Legende John McEnroe kommentiert unsere Story.  

Ein paar Wochen später legen wir mit neuen Details nach. Diesmal finden sich die größten Gegner im eigenen Haus. Ein Hausjurist, dem es offensichtlich um das Wohl eines von uns  namentlich benannten deutschen Tennisprofis geht. Ein Sportschau-Moderator, der (völlig unüblich) persönlich zur Filmabnahme im Schneideraum erscheint und unsere Recherchen kritisiert. Wenigstens waren ab da die Fronten klar. 

 

Immer deutlicher zeigt sich für mich damals auch: investigativer Journalismus ist faktisch falsch in der Sportschau-Redaktion. In einer Redaktion, wo an den Bürowänden verantwortlicher Redakteure Fußballtrikots hängen, die die Vorliebe für die jeweiligen Vereinsfarben klar dokumentieren. Wo ein Film über ‚Doping im Triathlon‘ im Oktober 2011 in der Sportschau nicht erscheint, weil sich der Verantwortliche (er sagt dies wörtlich vor Zeugen) nicht mit der Sport-Redaktion eines anderen ARD-Senders anlegen will. Weil diese gerade den Ironman auf Hawaii übertragen. Und, und, und.  

Zumindest in der Öffentlichkeit stimmt das Bild. 2009 und 2011 Nominierungen für den ‚Deutschen Fernsehpreis’. 2013 geht diese symbolträchtige Auszeichnung schließlich an die Redaktion. Davor: immer wieder Schlagzeilen. Immer wieder auch durch unsere Recherchen über den Doping-Betrug rund um das Team Telekom. Der rennommierte Sportjournalist Ralf Meutgens (mit dem ich über Jahre zusammen arbeite) und ich begleiten in dieser Zeit eng die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen dazu in Freiburg. Graben das ein oder andere wirklich pikante Detail aus. Da wir fast die einzigen sind, die ‚Akten fressen‘, Monate später immer noch nachhaken, sind wir auch bei diesem Thema bundesweit vorne mit dabei.  

Ebenso beim Fußballwettskandal, der an einem Donnerstag im November 2009 plötzlich aufploppt und die News-Schlagzeilen beherrscht. Tagesschau, Morgen- und Mittagsmagazin, Sportschau …. ‚Macht, was ihr wollt. Hauptsache wir haben was dazu’. Und so haben wir dann auch gleich einmal nicht nur aus einem Haftbefehl zitiert, sondern ihn auch Bildschirmfüllend ins TV gesetzt. Normalerweise geht so etwas nicht, greift § 353d StGB. Dürfte mittlerweile allerdings verjährt sein.  
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Aus einer journalistischen Intention, dem sprichwörtlichen Bauchgefühl heraus, hatten mein Kollege Benjamin Best und ich, zu diesem Thema monatelang vorher schon recherchiert. Waren beim Café King in Berlin-Charlottenburg zu Besuch, hatten auf eigene (finanzielle) Kappe mit einem Mafiaboss in New York gedreht. Dem ZDF waren wir (und mit uns die ARD) inhaltlich deshalb meilenweit voraus.  

Wie auch beim Thema der Fußballfanszenen, wo sich die Ultras zunehmend radikalisierten. Auf geradezu wundersame Weise mit uns als Redaktion erstmals vor der Kamera sprachen. ‚Sport inside’ hatte in der Szene einen wirklich guten Ruf. Später dann war die Renaissance der Hooligans ein Thema. Auch, wie Teile von ihnen sich mit den ‚Hooligans gegen Salafisten’ (HogeSa) politisch engagierten. Auch das hatte ‚Sport inside‘ prominent im Programm.  

Im Herbst 2015 dann die Zäsur. Wurde davor im Programm über Defizite im Schulsport, Baumängel in Turnhallen, unzureichend ausgestattete Vereine berichtet, so war dies plötzlich kein Inhalt von Relevanz mehr. Während der Deutschlandfunk und zahlreiche andere Medien - im Zusammenhang mit der Aufnahme von Flüchtlingen und Migranten - kontinuierlich über Probleme der Unterbringung (und ihre Auswirkungen auf den Schul- und Vereinssport) berichteten, hieß es aus der ‚Sport inside‘-Redaktion nur: „Wir sehen das als Thema nicht“.  

Hatte die Redaktion plötzlich ihre Unabhängigkeit, ihren journalistischen Biss verloren?!  

Die Wirklichkeit abzubilden, verschiedene Meinungen und Einschätzungen zu Wort kommen zu lassen, keine falsche Rücksicht zu nehmen - so verstehe ich mein Handwerk.  

Ähnlich in der Folge bei anderen Inhalten. Wurde jahrelang der Umgang mit DDR-Dopern in der Sendung thematisiert, so auch hier: Plötzlich Stille. Als begründete Zweifel aufkamen, ob jeder Sportbetrüger in der Vergangenheit wirklich so ein unwissendes ‚Opfer‘ gewesen ist. Die ausgewiesenen Anti-Dopingexperten der Republik darüber in Streit gerieten. Pro und Contra in Reinkultur - ein journalistisches Aufregerthema par Excellence. Ein MUST für 'Sport inside'. Eigentlich. Und, und, und.

Wie dem auch sei: nach zehn Jahren war es wieder einmal soweit, weiter zu ziehen. Etwas Neues zu probieren. Die Filme nicht nur zu produzieren, sondern auch selbst zu vertreiben. Keine ARD mehr, kein WDR. Kein ZDF. YouTube, Amazon Prime, VIMEO und das Kino machen es möglich. Bisher habe ich diesen Schritt nicht bereut.

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"Holt mir die Telekom!" - Über Klaus Bednarz, 'Monitor' und den Umgang mit Kritik


Frühjahr 1997

„Daraus kann ein Film werden“ sagte Klaus Bednarz in die Runde. Der Schneideraum mit Redakteuren und freien Mitarbeiten pickepackevoll. Die Luft nach einer Stunde merklich verbraucht. Jeder hatten inzwischen seine Meinung zu meinem Film abgegeben. Was ich damals nicht wusste: mehr Lob vom ‚Chef‘ gab es nicht. Vor allem für einen, der in der Redaktion gerade sein Erstlingswerk vorstellt hat. ‚Hier sind schon einige heulend rausgekommen‘ sagte anschließend ein freier Mitarbeiter zu mir. Und weiter: ‚So einen Einstand hatte noch keiner.‘

Das Thema des Beitrages: ‚Wie Bundeswehr-Feldjäger Wehrdienstverweigerern nachstellen‘. Welche - auch rechtlichen - Übergriffe dabei vorkommen. Ein halbes Jahr hatte ich dazu recherchiert, drei drastische Einzelfälle im Film nacherzählt. ‚Eingetütet’ hatte diesen Film ein befreundeter Kollege. Der schon zeitig eine Produktionsfirma hatte, salbungsvoll Exposés formulieren konnte. Dennoch: ich hatte Wort gehalten. Meine Premiere im WDR war gelungen.

team telekomBeim zweiten Film - einer Behördenposse über einen Selbstversorger in der bayerischen Provinz - bot mir Klaus Bednarz sogar an, beim Texten zu helfen: „Der Film muss länger werden“. Und so saß ich dann an seinem Schreibtisch beim ‚Feilen‘ um die beste Formulierung. Der Altmeister des deutschen Investigativjournalismus und ich hatten merklich Spaß zusammen. Zwei Männer, die sich irgendwie gut verstanden. Respekt voreinander hatten. Wahrscheinlich auch, weil ich ihm öfters offen widersprach. Dies war in dieser Redaktion eher selten der Fall.

Ein Jahr später dann der absolute KNALLER. Mit dem ‚Monitor‘ quer gegen die gesamte ARD schoss - ‚Die Tour de Farce und das Doping in deutschen Spitzenteams‘. Es war das Jahr Eins nach dem Sieg von Jan Ullrich in der weltweit bekanntesten Radrundfahrt. Die Festina-Affäre machte Schlagzeilen. Und auf den Trikots des ‚Team Telekom‘ prangte - für jeden sichtbar - das Logo der ARD. Im Fernsehgebäude des WDR begannen wir nach Ende der Tour zu recherchieren.

Der Film wurde schließlich am 13. August 1998 im ARD-Hauptprogramm zur besten Sendezeit ausgestrahlt. Gegen zahlreiche ARD-Verantwortliche platzierte Klaus Bednarz das Thema.  Es war ihm egal, was andere dachten. Irgendwie hatte ich den Eindruck: den Aufschrei danach, den liebte er.

Der acht Minuten Beitrag schlug medial ein, wie die sprichwörtliche ‚Bombe’. Wir hatten nicht nur zwei hochkarätige Insider (darunter einen Deutschen Meister) zu (verdeckten) Aussagen vor die Kamera bekommen, sondern auch einen renommierten Amateursportler, der offen über die Dopingpraxis bei hiesigen Rennen sprach. Schlagzeile der Pressemeldung: ‚Doping auch mit Kokain‘. 

Am Abend nach der Sendung ging es dann noch zu einem Lokal in WDR-Nähe. Beim ‚Happe-Teller‘ (eine Art Bauernfrühstück dass wirklich nach dem langjährigen ‚Monitor’-Redakteur Volker Happe benannt war) und etlichen Biers kam es dann zur schon traditionellen Quotenwette. Mit 5 D-Mark war man dabei. Keine Ahnung, wer dieses Zocken schließlich gewonnen hat. Immerhin: an diesem Abend lernte ich den Radsportexperten Ralf Meutgens kennen, der für den Film im Hintergrund die Fäden zog. Auch als freier Journalist arbeitete. Eine mehr als 20-jährige intensive Zusammenarbeit begann. Noch heute sind wir miteinander befreundet.

Bei der anschließenden Redaktionskonferenz war die Richtung von Klaus Bednarz klar: „Holt mir die Telekom!“ Und so gruben wir und gruben. Seltsamerweise wollte der ‚Monitor‘-Redaktionsleiter für unsere Recherchearbeit nichts bezahlen.

Dazu muss man wissen, dass für diese WDR-Vorzeigesendung genug Geld da war. (Und wohl heute auch noch ist.) Fast jeder zweite produzierte Film wurde damals nicht gesendet. Sprichwörtlich ‚in die Tonne gekloppt‘. Mit festangestellten WDR-Kamerateams arbeitete ‚Monitor‘ so gut wie nie zusammen. Ähnlich wie bei ‚Kontraste‘ war auch hier die wenig professionelle Arbeitseinstellung der - angegebene - Grund.

Ein Jahr später lief dann doch noch ein ‚Telekom‘-Film. Wir hatten selbstständig weiterrecherchiert, einige brisante Deails zusammengetragen. Unsere 30 Minuten lange arte-Reportage sollte im Juli 1999 gesendet werden. Parallel zur Austragung der ‚Tour de France’. ‚Monitor‘ wollte auch berichten, hatte aber - nach unseren Informationen - nichts wirklich Substanzielles. So hat die Redaktion dann Teile unseres Drehmaterials angekauft. Monitor nimmt Team Telekom ins Visier - Und damit erneut Schlagzeilen produziert. By the way: wir kamen da schon sehr auf unsere Kosten.

So langsam kam ich jedoch - ob der redaktionellen Arbeitsweise innerhalb der Redaktion - ins Grübeln. Nicht selten stand intern - vor der Recherche - die inhaltliche Ausrichtung des in Auftrag gegebenen Filmes redaktionell schon fest. Weil mich die Einseitigkeit in manchen Filmen zunehmend störte - an die Propagandainstrumente eines Karl-Eduard von Schnitzler aus dem DDR-Fernsehen erinnerte - habe ich dies damals angesprochen. Die Reaktion: Schweigen. "Nächstes Thema". 'MONITOR' habe ich später verlassen.



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"Wenn diese Dokumente nicht stimmen, klatsch ich Dich an die Wand" - Wie ein FAKT-Film plötzlich bei 'Frontal 21' lief


sachsen fuer sachsen1Sommer 2003
Eigentlich hatte ich zu dieser Zeit genug zu tun. Filme für die zdf.reporter, die Arbeit an einem neuen, eigenen Video-Onlinemagazin. Plötzlich ein Anruf eines guten Bekannten vom mdr aus Sachsen. Ob ich Interesse an einem investigativen Hintergrundstück hätte?

Hä? Wieso nicht? Na, klar!

Alles wäre fertig recherchiert, nur die Interviews müsste ich neu drehen. Ehrlich: wann bekommt man schon mal so ein Angebot?! Als Journalist. Und als Produzent.

Mein Bekannter sagte: er würde das Stück nicht in seiner Sendung platziert bekommen. Die Nähe zu Sachsen, die inhaltliche Nähe seiner journalistischen Enthüllung zur sächsischen Staatsregierung. Der Redaktionsleiter, der diesen Film nicht senden will.

Wirklich verwundert war ich nicht. Hatte ich doch drei Jahre zuvor meine ganz eigenen Erfahrungen mit dem ARD-Politikmagazin FAKT und dem - aus dem Westen zugezogenen - Redaktionsleiter gemacht. Im internen Schriftverkehr selbst klar von „Zensur“ gesprochen. Jetzt also wieder.

Beim ZDF hatten sie Interesse an dieser Story. Mit den brisanten Dokumenten, die mir mein Bekannter überreicht hatte, ging ich zum ‚Frontal 21‘-Redaktionsleiter. Claus Richter, ehemaliger DDR-Korrespondent für die ARD, in frühen Jahren auch beim Politikmagazin ‚Monitor‘. Ein erfahrener journalistischer Haudegen, der keine gute Story liegen ließ - Wer predigen will, sollte in die Kirche gehen.

Und diese Story war gut. Ein detaillierter Schriftverkehr zu einer Imagekampagne im Vorfeld der sächsischen Landtagswahl. Zeugen, die offen redeten, die Staatsregierung massiv angriffen. Dokumente, die deren direkte Einflußnahme nahe legte.

 „Fred, wenn diese Dokumente nicht stimmen, klatsch ich Dich an die Wand!“ 

„Sie stimmen, Herr Richter“. In den Redaktionen geht es manchmal intern durchaus heftig zur Sache.

sachsen fuer sachsen2
Wie nervös die in dieser Sache Involvierten waren, zeigte sich an dem Tag, an dem ich meine Interviewanfragen verschickt hatte. Erst die (Antwort)Mail eines Rechtsanwaltes. Er würde auf eine meiner (internen und schriftlichen Fragen) an dem ehemaligen Wirtschaftsminister eine Gegendarstellung verlangen. Dann der Anruf eines Inhabers einer Werbeagentur, der mir unverhohlen drohte. Auf dem Weg zum Dreh nach Dresden klingelte schließlich noch ein ehemaliger BILD-Chef durch. Der Inhaber einer politischen Lobbyagentur fragte mich mit Nachdruck, ob ich denn eigentlich wüsste, was ich da mache. Ich wusste es.

Kurze Zeit später lief der Film. Ausgewogen, sachlich und klar. Es gab weder eine Gegendarstellung, noch sonst irgend eine Reaktion. Das klassische ‚Schweigen im Walde‘. Und ein klarer Hinweis darauf, dass wir wohl voll ins Schwarze getroffen haben mussten. Am Ende war sogar Claus Richter zufrieden. 

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Die Biedenkopf-Flüge. Wie es meine Story dann doch noch in die ARD-Tagesschau schaffte

Sommer 2000
„Nicht, dass Du unseren ‚König-Kurt‘ schlecht machst!“ Mein Leipziger Kumpel brachte es auf den Punkt. Kritik am sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf (CDU) glich in Sachsen (am Beginn des neuen Jahrtausends) eher einer Majestätsbeleidigung. Für mich war es allerdings durchaus Ansporn, da einmal etwas genauer hinzusehen. Zumal ich zu dieser Zeit, neben dem ZDF mit meiner Produktionsfirma auch für den Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) arbeitete.

sendemanuskript mdr 0509200Für den Sender mit Sitz in Leipzig hatte ich - für die politischen Magazine 'WIR' und FAKT - zunächst einige unverfängliche Filme gemacht. Eine Reportage über sächsische Fans bei der Fußball-EM in Belgien (wofür sich der Redaktionsleiter extra mit einem Brief bedankte), Benzin-Probleme im bundesweiten Dauer-Stau, das Thema Kampfhunde. Alles lief weitgehend reibungslos. Die redaktionellen Abnahmen waren kurz und knapp, konstruktiv. Kein eitles sich selbst Dargestelle wie ich es aus der Redaktion des politischen WDR-Magazins Monitor kannte, keinen Chefredakteurs-‚Diktator‘ wie einst bei Kontraste.

Nun also kam ‚König-Kurt‘. Der investigative Journalismus begann, die Probleme allerdings auch. Zusammen mit einem sehr akribisch arbeitenden freien Kollegen aus der Redaktion hatten wir uns den dubiosen Vorgängen um die Errichtung und Vermietung eines Behördenzentrums im Leipziger Stadtteil Paundorf angenommen. In deren Zentrum das politische Agieren des sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf in den 90er Jahren stand. Da im Frühjahr 2000 dazu vom Landtag ein Untersuchungsausschuss eingesetzt wurde, spekulierten wir darauf, an interne Akten zu kommen. ‘König Kurt’ ein Bein zu stellen, ihn - günstigenfalls - aus dem Amt zu drängen. Etwas vermessen vielleicht. Aber, so verstand ich Journalismus:  Die Herrschenden unter Druck zu setzen, sie zu kontrollieren. Notfalls so viel medialen Druck aufzubauen, damit sie zurücktreten. Die Medien - gewissermaßen als die 4. Macht im Staat.

Und so gruben wir und gruben. Nahmen uns Kurt Biedenkopf Biografie vor, seine frühere Zeit in Leipzig, die Vita seiner Ehefrau Ingrid. Trafen Informanten, besorgten interne Dokumente. Den vertraulichen Mietvertrag für das Behördencenter, zum Beispiel. Eine Flugliste, mit der sich Kurt Biedenkopf von seinem Kölner Jugendfreund Heinz Barth durch Deutschland chauffieren lies. Und - so legten es unsere Rechercheergebnisse nahe - sich dafür erkenntlich zeigte.

Dies alles verarbeiteten wir zu einem Hintergrundfilm für das dritte Fernsehprogramm im MDR. Der Film lief Anfang September 2000, hatte aber so gut wie keine Wirkung. Weder auf politischer, noch auf medialer Ebene. Irgend etwas mussten wir falsch gemacht haben. Oder?

Hatten wir die Flugliste ‚unter Wert verkauft‘? Steckte in den Details vielleicht noch eine ganz andere Geschichte? Zusammen mit dem Chef vom Dienst (CvD) des ARD-Magazins FAKT beschlossen wir, hieraus eine eigene Story zu machen. Der bekannte Parteienkritiker Hans-Herbert von Armin erklärte sich - nach einem Telefonat - bereit, die dubiosen Flüge Biedenkopfs mit der Airline seines Kölner Freundes Barth öffentlich deutlich zu kritisieren.

Nur: aus einem Film zu diesem Thema - der Flugliste - wurde nie etwas. Plötzlich war kein Platz mehr im Programm, unsere Rechercheergebnisse angeblich nicht exklusiv genug.

Wie exklusiv sie allerdings wirklich waren, zeige sich einige Monate später. Am 6. Juni 2001 veröffentlichte das Nachrichtenmagazin STERN einen Artikel zu dem Thema. Ich hatte die Inhalte meiner damaligen Recherche schlicht einem Freund gesteckt, der sie an die dortige Redaktion weiterleitete. Am Abend berichtete auch die ARD-Tagesschau über diese ‚Enthüllung‘. Eine Enthüllung, die die ARD exklusiv hätte haben können, dem investigativen Politikmagazin FAKT zur publizistischen Ehre gereicht hätte.

Anyway. Endlich war die Öffentlichkeit da, die publizistische Wirkung auch. In der Folge folgten weitere Stories von anderen Medien über Kurt Biedenkopfs eigentümlichen Regierungsstil. Am Ende trat ‚König Kurt‘ als sächsischer Ministerpräsident zurück, weil er (und seine Frau) bei einem schwedischen Möbelhaus einen besonderen Rabatt einforderten. So banal ist es im Leben manchmal.


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Chaostage und Untersuchungsausschüsse - Die Arbeit beim SFB-Politikmagazin 'Kontraste'

Frühjahr 1995.
Endlich angekommen. So dachte ich zumindestens damals. Im SFB-Fernsehzentrum. In einer der oberen Etagen dort, in der Redaktion des ARD-Fernsehmagazins 'Kontraste'.

Es war immer mein Traum hier zu arbeiten. Ein Traum, der wenig später  in einen Alptraum verwandeln sollte. Doch zunächst lief alles (fast) ziemlich glatt. Gleich der erste Beitrag schlug ein. 3,3 Millionen Zuschauer (in der Spitze) bundesweit für einen Film über die Bezahlung von Polizeieinsätzen. Zusammen mit der Kollegin Dagmar Hovestädt. Die Seite-1-Story der 'Süddeutschen Zeitung' am Sendetag über die Bezahlung der Castortransporte machte es möglich. Noch zwei Tage zuvor war unserer Rohschnittentwurf vom Chefredakteur verbannt worden. "Schieben wir". Es sei kein Thema jetzt. Etwas verwundert war ich schon, wie sich ein gestandener Journalist wie Jürgen Engert so irren konnte.

rbb1Nachdenklich machten mich auch andere Vorgänge im Haus. So war es in der Redaktion überhaupt nicht üblich, mit einem festen SFB-Kamerateam auf Dreh zu gehen. 'Die taugen nichts', 'müssen alle vier Stunden Pause machen' hieß es meiner Erinnerung nach. Na, dann eben nicht. Und so griffen die Redakteure auf freie Kamerateams zurück. Die kosteten zwar extra, brachten dann aber auch die gewünschte Leistung.

Seltsam auch, dass zwei bekannte - und auf die DDR-Vergangenheit spezialisierte - Top-Journalisten in der Redaktion nicht mehr arbeiteten. Der eine war zum SPIEGEL gewechselt, der andere innerhalb des Hauses zu einem anderen Programm 'verschoben' wurden. Verwunderlich nur: darüber sprach keiner. Erst Jahre später erfuhr ich den Grund. Sie hatten schlicht eine Anweisung des Chefredakteurs nicht befolgt. Und einen investigativen Film über einen SPD-Ministerpräsidenten via SFB-Redaktionsausschuß doch noch ins 'Kontraste'-Programm gedrückt.

Im Januar 1996 war es dann auch für mich an der Zeit zu gehen. Drei Monate hatte ich über die Wirkung/Wirkungslosigkeit von Untersuchungsausschüssen recherchiert. Zahlreiche Drehs in Hannover, Kiel, Bonn und Berlin zum Thema gemacht. Ettliche interne (und neue) Dokumente aufgespürt. Chaostage-Ausschuß, Schubladen-Affäre, Plutoniumtransport, Olympiaskandal. Vom Chefredakteur hieß es nur: 'weiß doch jeder'. Damit war meine Arbeit im Nirvana verschwunden. Und ich - erst einmal - fix und foxi.

Einen Kollegen - mit dem ich oft im Zimmer für freie Mitarbeiter saß - habe ich jedoch stets in guter Erinnerung behalten. Ein junger Rechercheur damals, knochentrocken, sachlich, analytisch ein As. René Althammer ist jetzt Chef der investigativen RBB-Einheit. Die - sprichwörtlich - gegen das eigene Haus ermittelt. Der Korruption dort auf den Grund geht. Dennoch: solche engagierten Leute habe ich damals im Haus nur wenige getroffen. 

 

Tags: Sport inside, Deutscher Fernsehreis, WDR, Sportschau, Monitor, Klaus Bednarz, Patricia Schlesinger, RBB, Ermittungen, Korruption, Intendanten, Gehalt, Tom Buhrow

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