Im Wortlaut: "Es war eine öffentliche Kampfansage." - Knasterfahrung aus Leipzig

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Widerstand. Widerstand in einer Diktatur. Schwer vorstellbar, was dass mit einem macht. Wie hart, wie entschlossen muss man werden, damit man für Freiheitsrechte zwei bis fünf Jahre Knast riskiert. Du machst Dir darüber keine Gedanken, denn sonst machst Du es nicht. Heimlich Flugblätter drucken, sie verteilen, offen (und öffentlich) dem Staat die Stirn bieten. Deine Angst abschütteln, auf das Mauerwerk springen, reden.

Im Knast dann später bist Du stolz. Wofür schämen, warum sich nicht zur Tat bekennen?! Da weisst Du noch nicht, dass Du von den endlosen Verhören - den durch gleissendes Licht aller paar Minuten unterbrochenen Schlaf - jahrelang noch träumen wirst. Widerstand. Niemals bereuen. Auch wenn Du später sagst: "hätte ich im Verhör mal ganz die Klappe gehalten ...." (Fred Kowasch)  
15 1 1989 3Spontandemonstration am 15. Januar 1989 in Leipzig für Meinungs- Presse- und Versammlungsfreiheit

Verhaftet in Leipzig - Januar 1989

von Uwe Schwabe

12. Januar 1989, 15 Uhr: Es stehen drei unbekannte Männer vor der Tür: „Klärung eines Sachverhaltes“. Eine schon bekannte Anspannung ergreift dich. Keine Begründung. „Zuführung!“ Drei Personen eine Sicherheitsvorkehrung. Du wirst in ihre Mitte genommen – abgeführt wie in einem schlechten Krimi. Es herrscht eisiges Schweigen. Drei Personen für einen einzigen! Unruhestifter, Provokateur, Staatsfeind?

Du steigst in ein Auto, sitzt zwischen zwei Männern. Plötzlich bleibt das Auto stehen und rührt sich nicht mehr von der Stelle. Hektisches Treiben. Der Fahrer telefoniert und ordert ein anderes Fahrzeug. Du musst aussteigen und das Fahrzeug mit an den Straßenrand schieben, denkst in diesem Augenblick nicht an Flucht.

Beim Betreten der Polizeidienststelle in der Dimitroffstraße führen sie dich an deinem besten Freund, der zusammengesunken zwischen zwei Zivilisten auf einer Bank sitzt, vorbei. Dieser Anblick und sein verzweifelter Gesichtsausdruck begleiten dich während der gesamten Untersuchungshaft. 

Du wirst deinem Vernehmer übergeben. Beschuldigungen, Paragrafen. Es bleibt eines in deinem Gedächtnis hängen: Paragraf 214, Abs. 1-3, Höchststrafe fünf Jahre Gefängnis. Du versuchst, den Gedanken von dir zu schieben 5 Jahre Knast!

 
Nun beginnt das Spiel der Macht. „Ihr Freund hat unter Tränen ihren Namen genannt.“ Tränen – fast schon ein Fremdwort für dich.  Warum? Angst? Wollte er die Schuld von sich weisen? Überredung? Die Situation scheint unverständlich. Noch fühlst du dich stark. Belehrungen folgen, du hättest das Recht, einen Rechtsanwalt zu nehmen, Klage zu erheben …

Die Wahl von Wolfgang Schnur löst abweisende und aggressive Blicke aus – man hört diesen Namen nicht gern. „Ehe der Bescheid bekommt und dann in Leipzig ist, vergehen Tage! Sie wollen doch nicht so lange hierbleiben? Die Beauftragung eines Rechtsanwaltes hat keine aufschiebende Wirkung auf die Untersuchungshaft. Gestehen Sie, es ist besser für Sie, umso eher kann dieser Fall geklärt werden. Uns ist durch Beweismittel bekannt, dass sich die Person, welche von Ihnen die Aufrufe übernahm, sich vorher in der Wohnung von Herrn Lässig aufhielt.“

Sie wollen doch nicht so lange hierbleiben – wie absurd! – als hättest du es dir   ausgesucht. Du verweigerst die Aussage, willst nur im Beisein deines Rechtsanwaltes etwas sagen.  Daraufhin höhnisches Grinsen: „Wie lange wollen Sie dann warten?“ Und: „Wenn Sie für Veränderungen eintreten, müssen Sie auch offen sein und Ihre Tat gestehen, sonst wird sie unglaubwürdig! Wir wollen doch Ihr Bestes, den Fall klären, Klarheit schaffen!“

Du bestehst auf deiner Entscheidung. Der Ton ändert sich ins Aggressive: „Sie verdunkeln den Fall, es können Entscheidungen zu Ihren Ungunsten fallen. Denken Sie an die fünf Jahre Haft!“ 

Von deiner Stärke am Anfang der Vernehmung ist nichts mehr vorhanden. Du bestehst aber noch darauf, nur Aussagen zu deiner Person zu machen, willst keine anderen Namen nennen. Die Vernehmer wechseln sich ab – du bleibst. „Bekennen Sie sich endlich zu Ihrer Tat! Warum haben Sie es gemacht, wenn Sie jetzt nicht dazu stehen?“ Sie haben dich an deiner wundesten Stelle gepackt. Du hältst es kaum noch aus, abzuleugnen, wozu du mit ganzen Herzen stehst. 

Nichts hat dich in den letzten Wochen so beschäftigt wie dieser Tag. Sonntag, der Tag der Demonstration. Mit einer Verhaftung haben alle gerechnet. Beim Treffen in der Wohnung von Michael Arnold war die Stasi immer in der Nähe und der Übergabeort der Flugblätter musste kurzfristig geändert werden. Aber auf so eine Situation wie hier kann man sich nicht vorbereiten. Du weißt, dass du dich in einen Teufelskreis begibst, wenn du etwas zugibst. Du weißt, dass sie dir nur deine Schuld nachweisen wollen, trotz zum Teil freundlicher Worte. Sie erkennen sofort deine Zweifel, deine Angst und deine Verunsicherung, bohren immer wieder nach. Stoßen dich wie in einen Kreis und du kannst nicht mehr heraus. Du gibst zu, dass du die Flugblätter verteilt hast. Verweigerst anfangs noch die Nennung von Namen. Doch schließlich gibst du auf. Nennst einen ersten Namen, bestätigst Beteiligte. Sie wissen, dass Du jetzt genau an dem Punkt bist, wo sie Dich haben wollten. Du fühlst dich erleichtert, erschlafft, müde aber beschissen. Die Anspannung der letzten Tage weicht. Man gönnt dir ein wenig Ruhe. 

Du wirst abgeführt, musst an jeder Ecke warten - lange dunkle Gänge - „Hände auf dem Rücken!“, rote Lampen, „Gesicht zur Wand!“ Niemanden bekommst du zu Gesicht. Du wirst in einen kleinen Raum geführt, in dem ein Bereich vergittert ist, musst dich nackt ausziehen. Ein Mann kommt herein und durchsucht deine Sachen, er schaut in jede Körperöffnung, du musst dich vor ihm bücken. Du empfängst Haftkleidung, erhältst Belehrungen. Wortfetzen dringen an dein Ohr: „Möglichkeit der Beschwerde“, „Freihof täglich eine Stunde“, „keine Gespräche mit den Wärtern“, „Buchausleihe“, „Einkauf“, „Haftordnung“ ... - Alles rauscht an Dir vorbei. Du hörst alles wie im Nebel. 

Die Zelle: Du stehst da und versuchst, mit der neuen Situation fertig zu werden. Zwei Betten, zwei Hocker, ein Tisch, das Fenster mit undurchdringlichen Glasfliesen, Waschbecken und Toilette. Du kannst den Himmel nicht sehen, nur mattes, trübes Licht dringt durch die Glasfliesen. Du legst dich hin, findest keine Ruhe, beobachtest die Tür: ein kleiner Spion und eine Klappe in Bauchhöhe. Alle 10 Minuten wird die Zelle grell erleuchtet und jemand schaut durch den Spion. Warum? Angst vor Selbstmord? Du musst mit dem Gesicht zur Tür schlafen und darfst dein Gesicht nicht bedecken. Die Hände müssen immer auf der Decke liegen. Du kannst keinen richtigen Gedanken mehr fassen, willst nur noch schlafen. Du hast zur Außenwelt nur Kontakt durch die Klappe, siehst einzig Hände, kein Gesicht. Für dich ist kein Mensch hinter der Tür - allein Hände. 

13. Januar 1989, 5.15 Uhr: Die Zellentür öffnet sich mit lauten, durchdringenden Geräuschen. Du stehst sofort vor dem Bett. „Häftling 60-1, mitkommen!“, für die bist du nur noch eine Nummer, kein Mensch. Rote Lampen auf dem Gang: „Hände auf dem Rücken, Gesicht zur Wand“. Du musst warten und stehen bleiben. Erst als die Lampen grün sind, darfst du weitergehen. Zu den Vernehmungen wirst du von jungen Männern, sogenannten Läufern gebracht und wieder abgeholt. Einer von ihnen steckt dir einmal heimlich eine Zigarette zu. 

Du wirst wieder in den bekannten Raum mit dem Vernehmer gebracht. Du hast das Gefühl, es sind keine fünf Minuten vergangen. Befragungsprotokoll, Beginn 5.15 Uhr. Nur anderthalb Stunden sind seit deinem Herausgehen aus diesem Zimmer vergangen. Die Vernehmer wechseln sich ab - du bleibst. Zwölf Stunden lang. Der eine Vernehmer ist ein smarter, intelligenter Typ mit Brille, der andere ein bulliger Glatzkopf, der dich nur anbrüllt. Vor der Vernehmung ist nie klar, wer im Raum sitzt, du freust dich schon fast, wenn es der mit der Brille ist. Auch das ist Strategie.

Dieselben Fragen, dieselben Argumente. Du brauchst viel Zeit für Deine Antworten, versuchst wieder in deine starke Rolle zu schlüpfen, es gelingt dir nicht. Schließlich weigerst Du Dich nicht mehr, weitere Namen und Details zu nennen, gibst weiter Namen preis, gefährdest damit deine eigenen Freunde. In dem Moment denkst du nicht daran. Du willst nur raus hier, willst so weit weg wie möglich von diesen Vernehmern, aus diesem kleinen Raum, aus diesem Gefängnis. Dich am liebsten in Luft auflösen.

Die Vernehmungen finden immer zu unregelmäßigen Zeiten statt. Eine beginnt um 01.50 Uhr, die darauffolgende um 08.20 Uhr.

Dir werden Aussagen vorgelegt - Beschuldigungen - unterschrieben mit dir bekannten Namen. Echt oder gefälscht? Du weißt es nicht. „Wir wissen alles, geben Sie es zu!“ Dir bekannte und erlebte Fakten werden dir vorgelegt: Treffpunkte, Namen, Hergang des Geschehens. Du stehst zu deinem Handeln willst versuchen ihnen deine Argumente zu erklären, hast Hoffnung, dass sie dich vielleicht verstehen. Du bestehst darauf, keine weiteren Namen zu nennen, erzählst nicht alle Fakten. Nun beginnt die freundliche Tour. Persönliche Probleme des Vernehmers werden angesprochen und Probleme, die er mit Entscheidungen des Staates hat. Das, was du selber im Kopf hast, dringt aus dem Mund des Mannes mit der Brille. Du bist verwunderst, zweifelst.   Dummenfang oder Ernst? Hoffnungen werden in deinem Innersten geweckt. Du schiebst sie beiseite. „Wir können Sie heute noch entlassen. Nach 24 Stunden muss ein Haftbefehl ausgestellt werden. Noch ist keine Entscheidung getroffen. Sie haben die Chance mitzuentscheiden“. Du musst an die Freiheit draußen denken, Himmel, Bäume, frische Luft... Du versuchst, die Gedanken abzuwehren, versuchst, dich auf die Situation einzustellen. Es gelingt nicht. Die Gedanken lassen sich nicht mehr ordnen. Hoffnung, Trostlosigkeit, Angst. 

„Gestehen Sie endlich alles! Warum haben Sie es gemacht, wenn Sie jetzt nicht dazu stehen?“ Sie haben dich wieder an deiner wundesten Stelle gepackt, Der bullige Mann mit der Glatze schreit dich an: „Was machten sie im November letzten Jahres in Prag, an der Wohnung von Peter Uhl“. Du erstarrst und denkst, woher wissen die das? Mit einem deiner Freunde hattest du im November 1988 Samisdatveröffentlichungen der DDR-Opposition nach Prag geschmuggelt. Von Peter Uhl hattet ihr Erklärungen der „Charta 77“ zum Übersetzen und Veröffentlichen in der DDR mitgenommen. Die Unterlagen hattet ihr im Zug versteckt, damit der Zoll sie nicht findet. Was wollen sie mit der Frage erreichen? Sollst du das Gefühl haben, dass sie alles wissen, dich auf Schritt und Tritt überwachen?

Du befindest dich im Teufelskreis: „Wo waren Sie? ... Wann waren Sie?... Mit wem waren Sie?“... Du gibst immer mehr zu, widersprichst dir, man nagelt dich fest, schiebst die Verantwortung auf andere, unbewusst. „Warum lügen Sie immer noch, wir wissen alles!“ Du gestehst, gibst alles zu. Du fühlst dich frei vom Druck der letzten Tage, begründest, argumentierst, versuchst zu überzeugen - und erkennst die Sinnlosigkeit deiner Versuche. 

Du wirst dem Haftrichter vorgeführt, der Haftbefehl wird erlassen - Höchststrafe fünf Jahre. Du wirst fotografiert, im Stehen von drei Seiten, es werden Fingerabdrücke genommen: Schwerverbrecher? Der Arzt macht eine Tauglichkeitsuntersuchung. Tauglich wofür? Du bist ein Werkstück für ihn, kein Mensch.

Jeden Morgen um sechs Uhr öffnet sich die Klappe an der Tür. Durch diese   fliegen ein Besen, eine Kehrschaufel und ein Handfeger, fallen scheppernd auf den Steinfußboden und du stehst sofort neben dem Bett. 

Einmal am Tag darfst du auf den Freihof. Ein kleiner vier Meter hoher gekachelter Raum, oben eine Brücke, auf der ein Uniformierter mit einem Maschinengewehr in der Hand steht. Du kannst einen kleinen Ausschnitt vom Himmel sehen, gehst immer im Kreis wie in einem kleinen Käfig, fragst dich, warum ist der Raum gekachelt? Deinen Gedanken, dass man besser das Blut wegspülen kann, wenn man dich erschießt, schiebst du sofort erschrocken beiseite.

Du kommst in eine neue Zelle - jetzt zu zweit: Grenzflüchtling, seit 15 Wochen Untersuchungshaft. Zurückhaltende Gespräche, einander bekannt werden, du redest und redest, versuchst, dich abzulenken, machst Scherze, verdrängst deine Ängste. Endlich jemand, mit dem du dich unterhalten kannst, möchtest ihm am liebsten alles erzählen, bleibst aber misstrauisch. Kannst du ihm vertrauen oder soll er dich nur aushorchen? Du weißt es nicht. So schön, wie es ist, nicht mehr allein zu sein, gibt es nun keinerlei Privatsphäre mehr. Selbst auf der Toilette, die offen im Raum steht, fühlst du dich beobachtet. Er bringt dir schnell das Klopf-Alphabet bei, mit dem man sich mit dem Zellennachbarn unterhalten kann. Zweimal darfst du an Rechtsanwalt Schnur schreiben, bekommst ihn aber während der gesamten Untersuchungshaft nicht zu Gesicht.

Jeden Tag Verhöre. Gleiche Szenen, gleiche Fragen. Es werden Gegenüberstellungen mit deinen Freunden organisiert. Das erste Mal seit deiner Verhaftung siehst Du einige, die Flugblätter mit dir verteilt haben wieder. Du sollst sie überreden, doch endlich Aussagen zu machen, sie davon überzeugen, dass sie sich nur selbst schaden, wenn sie nicht reden. 

Tags: Untersuchungshaft, Leipzig, Festnahmen, Uwe Schwabe, Bürgerrechtler, MfS, Staatssicherheit, Liebknecht-Luxemburg-Demo, 15.01.1989, Spontandemonstration

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