Zeitgeschichte: Vor 30 Jahren - Erste Kundgebung des 'Neuen Forum' in Leipzig (18. November 1989)

von Fred Kowasch

Der 18. November 1989. Zum ersten Mal nach meiner Ausreise (im März des Jahres) wieder in die DDR gekommen. Die erste Kundgebung des 'Neuen Forums' in meiner Heimatstadt wollte ich mir nicht entgehen lassen. Wow - fast 20.000 sind gekommen. Treffe viele Freunde aus der Bürgerrechtsbewegung, die an diesem Tag aber kaum Zeit für mich haben. Lausche Reden von Leuten, mit denen ich einst in dunklen Küchen diskutierte. Am Meisten hat mich damals die Rede der Philosphin Inge Berndt berührt. Am Rande - und zum Schluß - ein Sprechchor: "Deutschland, einig Vaterland!" Dieser wird mit heftigen Pfiffen quittiert. Am Abend dann: ab in meine einstige Bar, deren Mobiliar inzwischen in den Osten der Stadt gewandet ist. Party bis zum Morgengrauen ....
Leipzig1 17111989Ordner des 'Neuen Forum' vor dem Leipziger Georgi-Dimitroff-Museum
Leipzig2 17111989Mehr als 15.000 Menschen sind zur ersten Kundgebung des 'Neuen Forum' zusammengekommen
Photos: Fred Kowasch - All Rights Reserved

Vor 30 Jahren: Erstmals Transparente vor der Nikolaikirche (4. September 1989)


von Uwe Schwabe

"Nach dem Kirchentag gingen die Friedensgebete in die Sommerpause. Während dieser Zeit versuchte die Staatsführung den Kirchenvorstand von St. Nikolai dahingehend zu beeinflussen, die Friedensgebete am 4. September nicht wieder beginnen zu lassen. Der Kirchenvorstand lehnte jedoch dieses Ansinnen ab. So wurde das erste Friedensgebet wie geplant am ersten Montag im September, dem Messemontag durchgeführt.

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Auch den Mitgliedern der Basisgruppen war klar, daß von den Ausreiseantragstellern, denen man den Weg nach Ungarn oder in die CSSR versperrt hatte, wieder eine spontane Demonstration ausgehen würde. Die große Öffentlichkeit durch westliche Joumalisten sollte diesmal aber nicht alleine den Antragstellern überlassen werden. Einige Mitglieder von Basisgruppen entschieden sich, mit eigenen Transparenten an die Öffentlichkeit zu gehen.

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Eine der Losungen, die dafür vorbereitet wurden, lautete: 'Für ein offenes Land mit freien Menschen'. Sie widerspiegelte ein Grundanliegen einiger Mitglieder der Basisgruppen. Sie konnten sich nicht mehr vorstellen, mit den Machthabern im Lande zu reden. Eine wahre Emeuerung oder Verhinderung war mit 'denen da oben' nicht mehr denkbar. Der einzig vorstellbare Weg war für viele, die Menschen frei über ihre eigenes Leben entscheiden zu lassen. Eine derartige Entscheidung schien aber unter den bestehenden Verhäiltnissen nicht mehr möglich.

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Die Transparente für diesen Montag enthielten die Losungen 'Reisefreiheit statt Massenflucht' und 'Versammlungsfreiheit - Reisefreiheit'. Sie wurden am gleichen Nachmittag in der Mariannenstarsse 46 hergestellt. Dort lebten Mitarbeiter verschiedener Basisgruppen in zwei Wohngemeinschaften zusammen.

Große Schwierigkeit bestand darin, die Transparente unbemerkt zum Nikolaikircbhof zu bringen, da die Mariannenstraße an diesem Tag wie an jedem anderen von Stasi-Leuten bewacht wurde. So wurde beschlossen die Transparente unter den Jacken zu verstecken und einfach loszugehen. Die Sicherheitsbeamten in Zivil hefteten sich sofort an die Fersen der Transparente-Maler.

An der Ernst-Thälmann-Straße bestiegen sie eine Straßenbahn, die in Richnrng Innenstadt fuhr, die Spitzel hinterher. Kurz vor dem Schließen der Tür sprangen die jungen Leute wieder aus der Bahn. Den Stasi-Leuten schlug die Tür vor der Nase zu, sie konnten nur noch dumm zurückschauen. Auf soviel Spontanität waren die >Hüter des Staates< nicht vorbereitet.

Die Mitglieder der Basisgruppen gingen auf Umwegen zu Fuß in die Innenstadt und suchten sich in der Nikolaikirche noch Leute, die bereit waren, später die Transparente mitzutragen.

Erst nach Abschluß des Friedensgebetes entrollten sie auf dem Nikolaikirchhof, vor den versammelten Kameras der westlichen Fernsehstationen, die Transparente. Sie waren nur kurz zu sehen und zu lesen. Stasi-Leute in Zivil rissen sie sofort herunter. Aber die Bilder davon gingen um die Welt.

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Schweigend formierten sich einige Leute zu einem kleinen Demonstrationszug, die erste Reihe marschierte los, wurde aber nach wenigen Metern von einer Polizeikette gestoppt. Es entstand plötzlich eine große Lücke im Zug. Die Menschen, die sich der Demonstration in den hinteren Reihen angeschlossen hatten, blieben stehen, stellten sich vor die westlichen Kameras in Pose, streckten lhre Hünde zum Siegeszeichen und riefen >Wir wollen raus<.

Die Spaltung war perfekt. Die Leute in den ersten Reihen gaben angesichts der Polizeiketten den Versuch auf, geschlossen durch die Innenstadt zu ziehen.

Eine Woche später rächte sich die Staatsmacht für die Niederlage. Nach dem Friedensgebet am 11. September wurde der Nikolaikirchhof völlig abgeriegelt. Die Polizei nahm zahlreiche Besucher des Gebetes fest. Gegen 18 der Zugeführten wurde Haftbefehl erlassen und Haftstrafen bis zu vier Monaten verhängt. Andere mußten Ordnungsstrafen bis zu 5.000 Mark zahlen.

Noch am selben Abond bildete sich deshalb eine Koordinierungsgruppe und organisierte wie im Januar 1988 und 1989 wieder eine Protestveranstaltung. Am nächsten Morgen stellten sich Mitarbeiter dieser Gruppe, vom MfS mißtrauisch beobachtet, an den Ausgang der Untersuchungshaftanstalt in der Dimitroffstraße und paßten die freigelassenen 'Zugeführten' vom Vortage ab. Ihnen wurde eine Kontaktadresse bekanntgegeben, wo sie sich zur juristischen Beratung melden, und einen Bericht über die 'Zuführung' abgeben sollten. Für die Berichte wurden Formulare vorbereitet, die die Zugeführten ausfüllen sollten."

Quelle: Uwe Schwabe, 'Symbol der Befreiung', Friedensgebete in Leipzig, in 'Horch und Guck', 1998
Photos: Helmut Neumann, All Rights Reserved

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