Volles Risiko: Warum man bei 'Gefahrenstufe 2' einen aktiven Vulkan durchaus besuchen kann

von Fred Kowasch

Gefahrenstufe 2 (von 5 in Neuseeland). Wie sie jetzt herrschte, vor dem Ausbruch des White Island Volcano in Neuseeland. Da kann man durchaus einen Vulkan betreten. Nur: ob einen im Ernstfall ein gelber (oder orangener) Bauarbeiterhelm hilft, darf bezweifelt werden. Aktive Vulkane zu besteigen oder zu besuchen, birgt immer auch ein tödliches Risiko. Dass sollte man schon wissen. Keine Vorhersage ist so gut, dass sie zu 100 Prozent sicher ist. Da können sich schon einmal busgroße Felsbrochen lösen, kann es eine Verpfuffung geben, ein Vulkan - unerwartet - ausbrechen. Dieses Risiko gehört dazu. Diesem Risiko waren wir uns auch bewusst, als wir 2002 am Merapi drehten. Einem der 15 Hochrisikovulkane auf der Welt. Bei Gefahrenstufe 2 (von 4 in Indonesien).



3000 Meter Höhe - inmitten von Schwefelwolken. Mit Gasmaske habe ich noch nie einen Film gedreht. Auf dem Merapi steht der Wind heute ungünstig, kommt von Süden. Das heisst: arbeiten in Schwefeldämpfen, die aus Dutzenden von gelben Erdöffnungen kommen. Nur 300 Meter ist der Dom weg. An ihm kommt das feste, heiße Gestein aus dem Inneren des Vulkans. Ulrich Serfling und sein Team hat mit den widrigen Bedingungen unterhalb des Gipfels zu kämpfen. Arbeiten auf einem Vulkan, der zu den gefährlichsten der Welt zählt. (Text ZDF 2002)

Travel: Sarayaku - Ein Indio-Dorf am Amazonas wehrt sich

Beitragsseiten

Das Indio-Dorf Sarayaku kämpft erfolgreich gegen Ölfirmen, die auf ihrem Land im Dschungel Ecuadors nach Öl bohren wollen. Dabei haben sie etwas Erstaunliches vollbracht: eine gesunde Balance zwischen ihren Traditionen und dem westlichen Leben gefunden.

Von Philipp Lichterbeck, Sarayaku

Heriberto Gualinga zeigt auf den weitgespannten Amazonashimmel. „Wir sind Millionäre“, sagt er. Der Indio schaut zu den Kindern, die mit Speeren zum Fluss laufen, um zu fischen und schon wenig später mit gefüllten Netzen wiederkommen. Auf die Bananen- und Maniokstauden. Er blickt zu den Jugendlichen, die auf Bäume klettern und Früchte für ihre Freunde herunterwerfen.
Rio Bobonaza, Sarayaku, Foto P. Lichterbeck (1)Doch die Idylle trügt in Sarayaku, einem Dorf im Amazonaswald Ecuadors, das von Indios vom Volk der Kwicha bewohnt wird. Der Dorfrat sitzt zusammen. Die Männer und Frauen haben Berichte erhalten, dass die italienische Agip und andere Ölfirmen die Gemeindegrenzen verletzen. Aus vier benachbarten Ölbohrgebieten würden sie nach Sarayaku vordringen. „Es geht wieder los“, sagt Heriberto Gualinga. „Wir sind eingekreist.“

Sarayaku hat es zu internationaler Berühmtheit gebracht. Als Vorbild im Kampf eines indigenen Volkes um Selbstbestimmung. Im Jahr 2002 hatte Sarayaku die Regierung Ecuadors vor dem Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte verklagt. Sie hatte einer Erdölfirma die Lizenz erteilt, auf dem Gemeindeland Sarayakus nach Öl zu bohren. Sarayaku legte Einspruch ein. Nach fast zehn Jahren Prozess gaben die Richter den Dorfbewohnern, die mit Federschmuck im Gerichtssaal saßen, recht. Sie verurteilten den Staat zur Zahlung von 1,3 Millionen Dollar Schadenersatz an Sarayaku. Ein Sieg – vorläufig.
Indiojunge beim Fischen, Sarayaku, EcuadorMit 135 000 Hektar hat das Dorf eine Menge Land zu verteidigen – anderthalb mal die Fläche Berlins, das meiste unberührter Dschungel. Während bei den meisten indigenen Völkern der Zusammenhalt zerbricht, sobald „der weiße Mann“ mit seinem Geld, seinem Alkohol und seinen Vergnügungen auftaucht, ist Sarayaku durch den Konflikt ums Öl erst stark geworden. Und so ist die Geschichte von Sarayaku auch eine darüber, wie es einem Indio-Dorf gelingen kann, seine Traditionen beizubehalten – und dennoch in der westlichen Welt zu bestehen.

Eine Straße nach Sarayaku gibt es nicht. Nur einen Fluss, den Rio Bobonaza. Fünf bis sieben Stunden dauert die Fahrt im motorisierten Einbaum aus dem Dschungel heraus. Je nach Wasserstand.
Rio Bobonaza, Sarayaku, Foto P. Lichterbeck (2)
Daran, dass Sarayaku immer noch so unberührt ist, hat Heriberto Gualinga großen Anteil. Der 37-Jährige trägt seine langen dichten Haare zum Pferdeschwanz zusammengebunden, kleidet sich in Jeans und T-Shirt. Er hat einen leichten Bauchansatz, über den er sagt: „zu viel Affenfleisch“. Am Tag zuvor hatte sich Gualinga nahe der Provinzstadt Puyo in Jeans und T-Shirt in seinen Einbaum geschwungen und war Richtung Sarayaku aufgebrochen. Als sich auf den letzten Kilometern die Dunkelheit wie eine schwarze Decke über den Rio Bobonaza senkte, schaltete Gualinga den Motor ab. Er begann, nach Gehör zu steuern. Er lauschte auf Stromschnellen, versuchte Felsen auszumachen, senkte einen langen Holzstock tastend in die Tiefe. Bis er fragte: „Hat einer ein i-Phone dabei? Die haben gute Taschenlampen.“
Heriberto Gualinga, Foto P. Lichterbeck (4)Einbaum und iPhone! Heriberto Gualinga muss darüber lachen, als er in seiner nach allen Seiten hin offenen Rundhütte sitzt. Über einer Feuerstelle räuchern Fische, die ihm ein Nachbarn mitgebracht hat. Dessen Fang fiel zu üppig für den Eigenbedarf aus. „Ich werde mich revanchieren“, sagt Gualinga. „Mit einem Kaiman.“ In einem Wassertank hält Gualinga fünf Kaimane. Er will einen Teich anlegen, um die kleinen Krokodile zu züchten.

Doch Gualinga steuert nicht nur Einbäume und züchtet Kaimane – er ist auch Filmemacher. Seine Dokumentationen sind auf Festivals rund um die Welt zu sehen, er hat einen Preis gewonnen und spricht an US-Universitäten über „Indigene Kommunikation“. In seiner Rundhütte hantiert Gualinga gerade mit einer GoPro-Kamera, er will seinen Vater filmen. Die Kamera, sagt er, sei ein lebendiges Gedächtnis.

Vermutlich kann also niemand besser erklären, warum Sarayaku am Kapitalismus nicht zerbrochen ist. Wie die Kwicha es geschafft haben, ihre Traditionen mit der westlichen Lebensweise in ein gesundes Gleichgewicht zu bringen. Gualinga sagt: „Wir nutzen eure Techniken für unsere Zwecke, aber wir werden nicht zu ihren Sklaven.“ Es ist ein ziemlich kluger Gedanke.
Töpferin, Sarayaku, EcuadorGualingas Kamera hat den Ecuadorianern die Bedrohung Sarayakus vor Augen geführt. Seine Bilder machten das Dorf auf der ganzen Welt bekannt. „Die Nachkommen des Jaguars“ heißt eine bewegende Dokumentation von ihm über den Gerichtsprozess, die bei YouTube zu sehen ist. „Wenn wir unseren Kampf nicht öffentlich gemacht hätten, wären wir chancenlos gewesen.“

Drucken

Durch die weitere Nutzung dieser Webseiten stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.