Zeitgeschichte: "Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne ...."

von Fred Kowasch

Es gibt dieser Tage ein gern verwendetes schwarz-weiss Photo. Ein paar Jugendliche - untergehakt - auf einer Demonstration im Anschluß an ein Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche. Aufgenommen  von einem SPIEGEL-Photographen am Abend des 4. September 1989. Dieses Photo vermittelt ein falsches Bild. 

Denn die Situation - so erzählen es die Beteiligten übereinstimmend - zeigt eben keine Demonstration, die da gleich mit Hunderten durch die Leipziger Innenstadt loszieht. Schon kurz nach diesen Aufnahmen müssen die jungen Bürgerrechtler feststellen: die Masse folgt uns nicht.

Die Anderen - rund Tausend an der Zahl - stehen derweil vor den Kameras westdeutscher TV-Stationen. Sie rufen: "Wir wollen raus!, Wir wollen raus!". Immer und immer wieder. Ausreiseantragsteller, die ein privates Anliegen haben. Und die die Öffentlichkeit dafür nutzen. Es ist - an diesem Tag - die faktische Spaltung einer neu entstandenen Bewegung. Einer Bewegung, die in der DDR 1989 den Aufstand probt. Und die bis dahin - zumindest in Leipzig - in einer Art symbiotischen Beziehung zueinander die SED-Diktatur herausgefordert hat.
wir wollen raus 04091989"Wir wollen raus!, Wir wollen raus!" - Ausreiseantragsteller vor der Leipziger Nikolaikirche am 4. September 1989 - Photo: Helmut Neumann

Natürlich kann ich viel erzählen. Von den ersten kleineren Aktionen im Anschluß an die Friedensgebete, Montags in Leipzigs Innenstadt. Von Flugblätter verteilen, in Warenhäusern und in der Volkshochschule. Von ersten - unabhängigen - Demonstrationen. Als wir sprichwörtlich die Straße eroberten. Als aus hundert Kirchengängern mehr als achtmal so viele Entschlossene wurden. Die Festnahmen, Verhöre, endlos wirkende Tage im Stasi-Knast. Zeitgeschichte ist dies mittlerweile, gerade wird sie intensiv diskutiert.

Endlich. Viel zu lange haben sich die beteiligten Akteure klein gemacht, die Deutungshoheit irgendwelchen westdeutschen Historikern überlassen. Jetzt - 30 Jahre später - sagen sie, dass ist unsere Revolution. Wir waren die Mutigen, dieses Erlebnis lassen wir uns von euch nicht nehmen. Revolutionen, gab (und gibt) es in diesem Land viel zu selten. Erfolgreiche schon gar nicht. Der 'deutsche Michel' zeichnete sich seit jeher eher durch Untertanengeist, Feigheit und Denunziantentum aus. Damals wie heute.

Zur Wahrheit gehört aber auch: die jungen Aufmüpfigen in Leipzig, Berlin, Dresden, Plauen, Halle und Jena waren (und blieben) stets eine Minderheit. Mehr als 2.000 Aktive umfasste die DDR-Opposition nie. Ihr Verdienst: sie haben eine Bewegung losgetreten. Breschen geschlagen, Freiräume erobert. Sprichwörtlich den Kopf hingehalten. Dennoch: ohne die zu allem bereiten Ausreiseantragsteller, die Leute die die DDR im Sommer/Herbst 1989 zu Tausenden via Ungarn verliessen, die in Dresden zu den Fluchtzügen durchdringen wollten und deshalb Polizisten mit Steinen angriffen, wäre aus dem spontanen Protest keine Massenbewegung geworden. Als plötzlich - vor Wut - in Leipzig Zehntausende auf die Straße gingen. Viele Eltern darunter. Nachdem ihre Kinder längst im Westen waren. 

Eine Zeit des Aufbruches. Eine Zeit, in der sich die bonierte DDR-Führung eben nicht mehr auf die Panzer aus der Sowjetunion verlassen konnte. Gorbatschows 'Perestroika' war da längst weiter. Ein welthistorischer Umbruch, der sich - vor 30 Jahren - gefühlt wie unter einem Zeitraffer abzuspielen schien.

Und heute?! Sind viele der damals so aktiven Bürgerrechtler untereinander heillos zerstritten. Während die einen - ausgerüstet mit staatlich alimentierten Behördenjobs ihre eigene Vergangenheit wortreich verwalten - berichten andere über erneute Repressalien. Über Medienmanipulationen, faktische Berufsverbote, einen Rechtsstaat der - in ihren Augen - nur dem Namen nach noch einer ist. Einige von Ihnen träumen bereits wieder von Revolution. Eine Minderheit, sicher. Noch. Wie heißt es doch so schön im Werk eines bekannten deutschen Dichters: "Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne ...."

Disclaimer: Der Autor war in den 80er Jahren in Leipziger Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen aktiv. Im März 1989 verließ er die DDR. Von Westberlin aus, unterstützte er die Bürgerrechtsgruppen. Unter anderem dadurch, dass er Informationen über ihre Aktionen in die Öffentlichkeit brachte.

Nix "Brunnen bauen": Wie Bundeswehr und BND bei den NATO-Todeslisten halfen

Geheimpapier über Killerkommandos - Nach einem Bericht der BILD-Zeitung haben Bundeswehr und BND bei 'gezielten Tötungen' in Afghanistan geholfen. Wie aus dem Bericht hervorgeht - der als Belege eine ganze Reihe von geheimen Papieren anführt - soll es im deutschen Hauptquatier der Bundeswehr in Mazar-e-Sharif eine sogenannte 'Target Support Cell' gegeben haben, die von einem Obertsleutnant geführt wurde.

Diese Gruppe sollte Informationen über Afghanen sammeln und diese an ISAF-Stellen weitergeben. Im Klartext: es ging darum, wer auf Obamas geheime Todeslisten gesetzt wird. In seiner aktuellen Ausgabe berichtet das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL ausführlich über diese geheimen Listen, auf denen zeitweise bis zu 750 Namen gestanden haben sollen.

Auch der Bundesnachrichtendienst (BND) soll - dem Bericht des Boulevardblattes zu Folge - in die Operation eingebunden gewesen sein. So habe der BND die Handynummern von einem Taliban-Führer weiter gegeben, aufgrund derer er von den ISAF-Truppen lokalisiert und getötet werden konnte.

Das ist nicht das erste Mal, dass sich der BND aktiv an Kriegshandlungen im Ausland beteiligt. Bereits zu Beginn des Irak-Krieges gaben zwei Mitarbeiter des BND Koordinaten potenzieller Ziele in Bagdad weiter. Mit diesem Vorgang beschäftigte sich in der Folge in Berlin auch ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss. Die entsprechende Stelle im Abschlussbericht des BND-Ausschusses befindet sich auf den Seiten 5 bis 32.

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"Deutschland, Hooligans" - HoGeSa in Hannover

15.11.2014
Der zentrale Busbahnhof im Herzen von Hannover. 3000 Symphatisanten der Gruppe 'Hooligans gegen Salafisten' sind erschienen. Ein Dutzend Wasserwerfer stehen am Rand, zahlreiche Räumpanzer und mehr als 5000 Polizisten. Auch die Antifa will mitmischen. Wie es den den HoGeSa-Ordner dennoch gelingt, die Lage unter Kontrolle zu behalten, zeigen die folgenden Bilder ....

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Exklusiv: Auch ein zweiter Fanforscher ist VS-Mitarbeiter

masterarbeit 201124.09.2014
Auch ein zweiter Fanforscher, der jahrelang zum Thema Ultras recherchierte, arbeitet für den Geheimdienst. Das berichtet der Online-Nachrichtendienst interpool.tv mit Bezug auf das Hintergrundmagazin 'Sport inside' und eigene Recherchen. Bei dem Fanforscher handelt es sich um den Politikwissenschaftler Jannis Linkelmann. Linkelmann studierte an der Juristischen Fakultät der Ruhr Universität Bochum. Im Fachbereich Kriminologie und Polizeiwissenschaft schrieb er 2010/2011 seine Masterarbeit. Thema: "Analyse des Attraktivitätszuwachses der Nürnberger Ultra-Bewegung".

Zusammen mit dem Fanforscher Martin Thein - er wurde bereits vor einigen Monaten in dem Buch 'Heimatschutz' der Autoren Stefan Laabs und Stefan Aust als V-Mann-Führer des Bundesamtes für Verfassungsschutz in der rechtsradikalen Szene der 90er Jahre geoutet - gab Jannis Linkelmann Bücher zum Thema Ultras/Fußballfans heraus. Auch gründeten Sie die Internetplattform fankultur.com und initiierten ein Institut für Fankultur an der Universität Würzburg. Nach interpool.tv-Informationen arbeitet Linkelmann für das Bundesamt für den Verfassungsschutz in Köln. Diese Information geht auf mehrere - voneinander unabhängige - Quellen zurück.

Unterdessen hat sich auch die Bundestagsfraktion 'Die Linke' dem Vorgang angenommen. In einer Kleinen Anfrage vom 28. August wollte Sie Antworten auf die "Aktivitäten des Bundesamtes für Verfassungsschutz in Fußball-Fanszenen" haben (BT-Drucksache 18/2425). Die Antwort vom 12. September 2014 ist HIER zu lesen. 

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Montagsdemos: Nur Irre und Rechtsextreme?

26.05.2014
Die einen halten sie für 'Irre', die andere sehen in Ihnen Rechtsextreme. Vor allem die Mainstreampresse trägt zu diesem Bild in der Öffentlichkeit bei. SPIEGEL TV, Kulturzeit (3sat) und Vice schütteten kübelweise Häme und Unwahrheiten über die Organisatoren der aktuellen Montagsdemos aus.

Kaum einer fragt einmal vorurteilsfrei: wer sind sie, was wollen sie wirklich? Deshalb lohnt es sich, das folgende Gespräch einmal in Ruhe zu betrachten. 90 interessante Minuten über aktiven Widerstand, wirksame Aktionsformen und welchen langen Atem es bedarf, bis einen die Herrschenden zur Kenntnis nehmen.

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'Pullern gehen' - Der ganz normale Alltag von geschlossenen Polizeieinheiten

06.05.2014
Polizeigewalt am Rande von Demonstrationen oder Fußballspielen ist nichts Neues. Das sie immer häufiger dokumentiert wird, auch nicht. Dass danach - so gut wie Nichts - passiert .... Die Antwort dürfte klar sein. Die aktuellsten Videos kommen aus Berlin. Sie zeigen einen Polizisten, der sich langweilt und dann mal eben einen Umstehenden mit Pfefferspray eindeckt. Natürlich entschuldigt sich dann der Polizeipräsident. Machen sich nicht so gut, solche Bilder. Alltag ist es längst.



In den geschlossenen 'Beweis- und Festnahmeeinheiten' (BFE's) gibt es zahlreiche Beamte, die Tage wie den 1. Mai kaum erwarten können. Die unter Testosterondruck stehen. Kein Wunder, gehören Anabolika - faktisch - zur Vorbereitung auf den Einsatz mit dazu. Bleigefüllte Quarzhandschuhe, der gezielte Griff in die Augen von Festgenommenen auch. Manchmal knallt der Kopf auf das Pflaster, ohne Absicht selbstverständlich.

Eine besonders perfide Methode deutscher Polizisten ist das 'Pullern gehen'. Vorläufig Festgenommene werden - mit Kabelbindern gefesselt - zur Seite gebeten. Eins zu Eins - damit es keine Zeugen gibt. Danach wird mit dem Daumen massiv in eine (weiche) Stelle am oberen Schultergelenk gedrückt. Dass ist äußerst schmerzhaft, hinterlässt aber keine Spuren. Der Festgenommene kommt dann ziemlich ruhig vom 'Pullern gehen'. Polizeialltag eben. Dies ist - intern - bekannt. Passiert doch nix, passiert doch da .... Wer sollte auch hier wegen der Mißhandlung von Festgenommenen ermitteln?!

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Wikileaks: The Carter-Cables

25.04.2014
Viel Arbeit für die Zeithistoriker. Wikileaks hat neue Dokumente online gestellt. Es handelt sich um 367.174 diplomatische Dokumente aus der Amtszeit des US-Präsidenten Jimmy Carter (1977-1981). Die Dokumente finden sich auf der Website von wikileaks und können dort im Volltext durchsucht werden.Top secret1-588x378

Einen guten Überblick über einige Dokumente findet sich in folgendem Blog. Und ja, auch die BILD-Zeitung hat - vor den anderen Qualitätszeitungen -  schon zugeschlagen. Sie widmet sich den Ereignissen von 1977 in der BRD. Hier geht es insbesondere um das Wirken der RAF und die Auswirkungen auf die bundesdeutsche Gesellschaft.

Die speziellen Cables finden sich - zusammengefasst - auf folgenden Webseiten:

Weiterhin von zeithistorischem Interesse: Dokumente über die Jagd auf den CIA-Whistleblower Philip Agee, einen vermeintlichen Suizid-Versuch von Rudolf Hess im Kriegsverbrechergefängnis von Berlin-Spandau und Einschätzungen von US-Diplomaten zu Vorgängen in der DDR, insbesondere im Umfeld der Leipziger Frühjahrs- und Herbstmessen.

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Zwei Einsatzleiter vor Gericht - der Stuttgart-21-Prozess

24.06.2014 update
Zwei Einsatzleiter wegen Körperverletzung angeklagt - fast vier Jahre nach dem brutalen Polizeieinsatz am 30. September 2010 im Stuttgarter Schloßpark hat der Prozess gegen zwei leitende Beamte begonnen. Den beiden leitenden Polizisten wird fahrlässige Körperverletzung im Amt vorgeworfen. Sie sollen Einsatzbefehle nicht an die Besatzungen der beiden Wasserwerfer weiter gegeben haben. Durch deren Einsatz wurden einige Demonstranten massiv an den Augen verletzt. Die Bilder eines alten Mannes, der aus den Augen blutet, gingen um die Welt.

Am ersten Verhandlungstag wiesen die Angeklagten die Vorwürfe zurück. Der Einsatz wäre grundsätzlich genehmigt gewesen. Außerdem wäre ein Funkkanal gestört gewesen, so daß sie keine Nachrichten zum Einsatzgeschehen erhalten hätten. "Sie müssen bestraft werden" - Geplant sind mindestens zehn Verhandlungstage, mehr als 35 Zeugen sollen gehört werden. Mit einem Urteil ist in einigen Monaten zu rechnen.

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Die gekaufte Republik - one by one

Eine (unvollständige) Zusammenstellung

17.11.2016
Daniel Bahr
(FDP) soll zum 01. Januar 2017 in den Vorstand der Allianz-Krankenversicherung aufrücken. Das berichtet das 'manager magazin'. Bereits vor zwei Jahren war der ehemalige Bundesgesundheitsminister zum Versicherungskonzern gewechselt. Bahr ist mittlerweile der dritte FDP-Minister der vergangenen Regierung, der von der Politik in die Wirtschaft gegangen ist.

reichstag2

16.06.2015
Rezzo Schlauch (Grüne), Michael Glos (CSU) und Markus Meckel (SPD). Drei Beispiele von 94. Mindestens 15 Prozent der Abgeordneten üben nach ihrem Ausscheiden aus dem Bundestag eine Lobbyfunktion aus. Und dabei sind noch nicht einmal die Sitze in Aufsichtsräten mitgezählt. Zu diesem Ergebnis kommt der Politkwssenschaftler Cornelius Witt in seiner Masterarbeit, in Auszügen bei abgeordnetenwatch.de veröffentlicht. Besonders häufig wechseln FDP-Mitglieder ihre 'Profession'. Bei der Linken gibt es diesen Seitenwechsel nicht.

05.02.2015
Die parlamentarische Staatssekretärin im Bundesverkehrsminsiterium Katharina Reiche (CDU) wechselt als Lobbyistin in die Wirtschaft. Zum 01.09.2015 wird sie neue Hauptgeschäftsführerin beim Verband Kommunaler Interessen (VKU). Nach Jahren der Untätigkeit hat das Bundeskabinett am Mittwoch einen Gesetzentwurf auf den Weg gebracht, der eine Karenzzeit von mindestens einem Jahr für Regierungsmitglieder vorsieht, die in die Wirtschaft wechseln wollen. Für die CDU-Politikerin Katharina Reiche gilt diese Regelung nicht. 

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10 Jahre Wikileaks - Herzlichen Glückwunsch!!

Akkus im Handy vergessen - eine CIA-Operation in Italienrammstein2

Das Wirken der US-Sicherheitsbehörden auf deutschem Boden. Die zahlreichen Veröffentlichungen von wikileaks.org in jüngster Zeit verdeutlichen, wie die USA in Europa - nahezu ungestört - agieren konnte.

Absolute 'Profis' der CIA waren - zum Beispiel - im Frühjahr 2003 in Italien unterwegs. Es geht um eine Entführung via Deutschland (Rammstein) nach Ägypten und um Geheimgefängnisse. Details gibt es hier: Handydaten verraten illegale CIA-Operation.

Bereits im Januar 2009 hatte interpool.tv einen als geheim klassifizierten Untersuchungsbericht des Bundestages zu Geheimgefängnissen in Auszügen zum Download ins Internet gestellt (pdf). Die Lektüre lohnt sich! Sollte Interesse bestehen, können wir auch den gesamten Bericht online stellen.

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