Mission Klassenerhalt (IV): Der Traum geht weiter - Nächster Sieg im 'Sachsen-Pokal'

Es gibt ein Stadion im Leipziger Nordwesten, da scheint die Zeit stehengeblieben, Vergangenheit gegenwärtig zu sein. 1964 wurde hier - im Leutzscher Holz - die BSG Chemie Leipzig völlig unerwartet DDR-Meister. Später spielte der Verein meistens in der zweiten Liga, Staffel C, bis er irgendwann ganz verschwand. Ein paar Unermüdliche fingen - zu Beginn des neuen Jahrtausend - in der 12. Liga wieder neu an. Jahr um Jahr ist 'Chemie' seitdem aufgestiegen, spielt nun in der Regionalliga Nordost. Muss sich dort mit dem 1. FC Lok Leipzig, Energie Cottbus und dem BFC Dynamo messen. Partien mit einiger Brisanz. In 'Mission Klassenerhalt' begleiten wir die Mannschaft durch die Saison.

von Fritz Rainer Polter


Sachsen-Pokal, Viertelfinale + Chemie Leipzig - Budissa Bautzen 1:0

"Wir hassen den BFC! Wir holen den FDGB-Pokal und werden deutscher Meister. MEISTER!!

Nun gut, heute also, an diesem kalten Novembertag, geht es im Pokal gegen Bautzen, den Bezwinger der Gärtner vom Südfriedhof, der Werkself der Eisenbahner, denen der Zug auf ihrem eigenen Gleis 66 abgefahren ist. Wir dürfen nach dem großartigen Kampfsieg gegen den FSV Zwickau die Chance, unser Gleis 66 (das Gleis unseres Pokalsieges von 1966 auf der Müllerwiese in, richtig: Bautzen! – jedoch gegen Lok Stendhal) noch ein Stück weiter befahren. Und dies natürlich, selbstverständlich, gänzlich ohne Lok, sondern mit der Kraft der richtigen Chemie.
Chemie Leipzig BSG 11.11.2017 versus Bautzen Eins zu Null (15) mail Einer für Alle alle für Einen
Vor dem Anpfiff - Copyright all pictures: Martin Koll

Nach unserer 3:0 Niederlage auswärts beim Berliner Athletik Klub ist mir das Grinsen erst einmal wieder vergangen. Zu sehr hatte ich mich in die Fata Morgana verliebt, wir würden nun, nach der Rückkehr von Bury und Bunge und deren Zusammenspiel mit Jajima in allen Spielen eine gänzlich andere, neuerstandene Mannschaft sein. Die Realität ist hart, und sie besagt, dass wir in dieser Regionalliga überwiegend auf Profiteams treffen, während wir nach Feierabend trainieren müssen. Die Fitness kann so nicht maximal austrainiert sein, noch viel weniger können die Automatismen abgestimmt sein. Unser Kader ist dünn. Ein jeder Spieler muss in jedem Spiel über die gesamte Zeit stets seine Höchstleistung abrufen, da ist keine Sekunde Zögern, Loslassen oder Abschalten drin. Mit anderen Worten gesagt: Wenn man, wie gegen den BAK, einen Doppelschlag fängt, und 2:0 hinten liegt, ist es auch einmal angebracht, sich in das Unvermeidliche zu fügen: Das man manche Spiele, zumal auswärts, einfach nicht positiv gestalten kann.
Chemie Leipzig BSG 11.11.2017 versus Bautzen Eins zu Null (11) mailNordkurve. 2500 Zuschauer sehen den 1:0 Erfolg über den Lok-Bezwinger Budissa BautzenChemie Leipzig BSG 11.11.2017 versus Bautzen Eins zu Null (19) mail Chemie StammDie Renaissance der 'Kutten'

Trotzdem frage ich mich, als ich nach einem kurzen Gespräch mit meiner Diablo-Connection meine Position auf dem oberen Norddamm beziehe, welches Gesicht unsere Mannschaft heute im Spiel gegen Bautzen wohl zeigen wird. Das Punktspiel in der Regionalliga gegen uns haben die Budissen im Frühsommer knapp gewonnen, unser Ausgleich wäre verdient gewesen, doch wir hatten kein Glück. Ich hoffe darauf, dass Bautzen uns unterschätzt, da sie das vermeintlich stärkere Lok Leipzig so absolut mit 3:0 vernichtet haben. Das sie wähnen, sie hätten nun gegen uns leichtes Spiel. Mein Kumpel Sven, mit dem ich 1969 eingeschult wurde, kommt hinzu, Martin K., mein alter Nachbar aus der Westvorstadt, sitzt heute mal auf der Tribüne und schießt aus dieser Perspektive wieder seine tollen Fotos in gewohnt superber Qualität.

Gegenüber, auf den Südtraversen, wo bei uns stets die Gäste stehen, nehme ich um die 25 reiselustige Fans wahr, die auch noch tschechische und Berliner Fahnen angebracht haben. 20 Auswärts-Fans zu solch einem wichtigen Spiel? Schon alleine darum (denke ich als einer der 2500 Heim-Fans) hätten die es heute nicht verdient, weiter zu kommen. Da mobilisiert man gefälligst das ganze Dorf und bringt auch Frau, Oma, das Aschenputtel und die Schwiegermutter mit.

Beide Teams haben das beste aufgeboten, was heute zur Verfügung steht. Die Budissen machen das Spiel und pressen los. Erspielen sich klare Vorteile und mehrere Chancen. Das kann man getrost für das gesamte Spiel gelten lassen. Ihr entscheidender Fehler indes: Sie stehen viel zu hoch. Insbesondere unser überragender Alexander Bury nutzt dies für seine energischen, schnellen Gegenstöße, deren dritter auch zum Torerfolg führt. Allzu träumerisch passt ein Bautzener Rechtsaußen zu seinem tiefer stehenden Kollegen in das Zentrum (vielleicht galt die Rückgabe auch seinem Torwart). Allzu träumerisch nimmt der Empfänger den Pass an, aber kontrolliert ihn nicht. Bury rennt los wie der Teufel, klaut ihm in einer Art Mario-Basler-Gedächtnis-Aktion den Ball, rennt auf den Torwart zu und haut das Ding sicher rein. Einfach irre, wir liegen vorn in der 20. Minute. Wieder einmal wackelt der Norddamm, und ich tute mir die Seele aus dem Leib. Kurz darauf kommt es zu einer weiteren Großchance durch eine Kombination von Jajima, Bunge und Bury und einem Nachschuss, woraus Zählbares zwingend hätte entstehen müssen. So wird es nun wieder das gewohnte Zitterspiel.
Chemie Leipzig BSG 11.11.2017 versus Bautzen Eins zu Null (26) mail Trainer und Bank in DeckenChemie-Trainer ist der 62jährige Hamburger Dietmar Demuth

Zur Pause besuche ich Martin auf der Tribüne und treffe den langen Jens vom Bücherinsel-Antiquariat, der sich von da an zu Sven und mir auf den Norddamm gesellt. Wieder wird es eine unserer typischen Abwehrschlachten, denn wie auch Zwickau, Nordhausen, Victoria Berlin und viele andere, ist uns auch dieser Gegner nominell und spielerisch deutlich überlegen. Sie hängen sich auch rein, kämpfen und kratzen, mit zunehmender Tendenz zur Härte und Unfairness. Allzu oft wirkt der Schiedsrichter überfordert, pfeift, und weiß dann nicht, in welche Richtung der Freistoß auszuführen ist. Allzu oft müssen seine Assistenten von der Seitenlinie herein rennen und ihn diesbezüglich beraten. Allzu oft zeigt er den Bautzenern keine Karte, wo sie eine verdient hätten, durchaus auch eine rot gefärbte. Unsere Abwehrhelden Karau und Wajer haben darunter arg zu leiden. Angeschlagen, holen sie das letzte aus sich heraus. Alle geben alles. Allen ist klar: Geht das Ding hier in die Verlängerung, werden wir am Ende unserer Körner sein.
Chemie Leipzig BSG 11.11.2017 versus Bautzen Eins zu Null (41) mail Das hätte das Zwei Null sein müssenBury ist der helle Wahnsinn, und Jajima ist ein Teufel, der überall Verwirrung und Unruhe stiftet. Genau so einen haben wir gebraucht. Allerdings sollte er seine Tendenz, alles allein lösen zu wollen, einmal überdenken. Ich habe ihn bislang so oft gelobt, da darf ich ihn nun auch einmal kritisieren. Es fehlt oft der Blick für den freien Mann. Die Budissen erspielen sich nicht eine klare Torchance, und was sonst noch so ankommt, wird vom Franko-Kanadier oder unserer Abwehr entschärft. Einmal muss er sich arg strecken, das war noch in der ersten Hälfte. Das tückische an meiner Position auf dem Norddamm ist: Ich sehe ihn fliegen, auch den Ball erreichen, aber erkenne nicht mehr, wohin dieser letztlich rollt. Das Uff! der besser Stehenden klärt mich auf. Glück gehabt, und super, Julien!
Chemie Leipzig BSG 11.11.2017 versus Bautzen Eins zu Null (61) mail Alles auf RauschDie VIP- und PressetribühneChemie Leipzig BSG 11.11.2017 versus Bautzen Eins zu Null (60) mail Chemie StammFünf Minuten Nachspielzeit gibt Schiri Nixdorf aufgrund der vielen Unterbrechungen. Der gegnerische Torwart rennt mit vor, agiert ohne Selbstkontrolle und streckt unseren Kapitän Karau zu Boden. Aber es hilft den Budissen alles nichts, es wird wieder vollbracht, die 20 Bautzener Fans fahren hängenden Kopfes heim zur Müllerwiese, desgleichen ihre Mannschaft, und Chemie überwintert im Pokal.

Am nächsten Sonntag geht es weiter in der Regionalliga gegen Oberlausitz Neugersdorf, einem unserer möglichen Gegner im Pokal-Halbfinale oder gar im Endspiel. Danach geht es am Mittwoch an den Südfriedhof zu den Gärtnern in Blau/Gelb, einem unserer möglichen Stadtrivalen. Grins. Da wird es wieder heißen: „Auf geht’s, Chemie, kämpfen und siegen!“

Copyright all words by Fritz Rainer Polter, all pictures by Martin Koll

Chemie Leipzig BSG 11.11.2017 versus Bautzen Eins zu Null (64) mail einer von vielen Tumulten der zweiten HälfteAbpfiff.
Copyright all pictures: Martin Koll

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Sachsen-Pokal, Achtelfinale + Chemie Leipzig - FSV Zwickau 4:2

achtelfinale1Zwickau! Hätte es nicht ein kleineres Kaliber als Pokal-Los sein dürfen? Viel Hoffnung erfüllt mich nicht, als ich mich mit Jens (der Jens aus der aus der Nähe von Torgau) zum Spiel begebe. Heute leisten wir uns eine Anfahrt mit dem Auto und picken Martin (der hier oft seine fotografischen Glanztaten beisteuert) in der Westvorstadt auf. Wir beziehen wie gewohnt Stellung auf dem Norddamm. Beeindruckende Pyro-Choreos beider Seiten eröffnen den Reigen. Wird teuer werden, vor allem für Zwickau, die praktisch kein Ende diesbezüglich kennen, und überdies auch noch Böller knallen lassen. Mit Ronny Garbuchewski haben die Trabant-Städter einen unserer einstigen Helden im Kader. Kein Star, aber einer, dessen damaliger Abgang vom FC Sachsen Leipzig, unserem Vorläufer, schon wehtat, weil man spüren konnte, dass er jeder Mannschaft helfen kann. Damals. Ich hätte gedacht, dass er heute gegen uns aufläuft. Indes ist er nicht einmal im Kader. Deren aktueller Held, ein anderer Ronny, ein gewisser Ronny König, schon. Von dem wird noch zu reden sein.achtelfinale2Nach 15 Minuten Verspätung geht es erst los, denn die Kurzentschlossenen stehen noch nach Karten an. Wir haben unseren aktuellen Helden, Alexander Bury in der Startelf, das gibt mir Hoffnung. Ich sah ja bereits im Spiel gegen Altglienicke, was der schon wieder so alles bewirken kann, auch wenn er nach eigener Aussage erst bei 70 Prozent der alten Leistungsstärke ist. Und so gestaltet sich dieses Spiel auch: Chemie kombiniert und setzt Akzente nach vorn mit Wucht und Kraft, wie wir es zuletzt in der Aufstiegs-Vor-Saison erlebten. Prompt gibt es in der 5. Minuten einen Freistoß für uns. Daniel Heinze tritt an, Alexander Bury himself verwertet! 1:0, unglaublicher Jubel! Ausgerechnet Bury! Heute liegt was in der Luft, heute geht was für uns. Auf den Wiederanpfiff folgt direkt unser nächster Angriff. Florian Schmidt ist am Ball und stürmt. Wieder wissen sich die „Schwäne“ aus Zwickau in der Minute nicht anders zu helfen, als durch Foulspiel, diesmal im Sechzehner. Der Elfer wird auch gegeben. Eine Sache für den Samurai Jajima Rintaro-san, um es einmal korrekt japanisch auszudrücken. Der hält mutig auf die Mitte, und der Ball schlägt rechts neben den nach links fallenden Hüter der Roten ein. Unhaltbar schien der nicht. Die hätten mal lieber ihren Stamm-Keeper auch im Pokal ranlassen sollen. Zum Glück haben sie nicht, und so steht es nach 7 Minuten 2:0 für uns gegen einen Haus-hoch favorisierten Drittligisten. Wird das wieder einmal eine unserer typisch-chemischen Heldenepos-Geschichten, die man sich noch 20 Jahre später erzählen wird? Ich beginne, daran zu glauben.achtelfinale5achtelfinale13Dann beginnt die große Viertelstunde des Zwickauers Ronny König. Ihm gelingen zwei Kopfballtore in Folge, in der 20. und 23. Minute, bei denen sein Gegenspieler Sebastian Hey kaum Abwehrchancen hat. Traumhaft verwandelt beide Male, - wenn man ehrlich ist, und den Gegner zollt, was des Gegners Konter-Bande ist. Nein, Simon Zoller spielt bei FC in Köln, fragt Laura Wontorra. Natürlich gerade ich wieder ins Straucheln, zweifle am Erfolg. 2:0 über Zwickau, es wäre auch zu schön gewesen. Jetzt sind sie in Fahrt, jetzt werden sie ihre überlegene Spielklasse zum Einsatz bringen können, denkt es defätistisch in mir. Nun gut, haben wir halt mal wieder 15 gloriose Minuten gehabt. Auch was wert. Nehmen wir das mit, gegen die kommenden Gegner in der Regionalliga. Und nun ist erst einmal Pause. Ich bewege mich nicht von der Stelle, denn die bietet mir gute Sicht, und ist ohnehin schwer zu verteidigen gegen die jungen Frauen links neben mir, die andauernd Verstärkung bekommen. Und alle wollen ans Geländer. Aber da kenne ich nichts.

Dieses Spiel schreibt nicht nur Geschichte, es hat auch seine Geschichten. Wie war das noch, als 1983 ein hochgewachsener Spieler der Gärtner vom Friedhof unseren deutlich kleineren Spieler Heiko Scholz (der nun die blau/gelben Gärtner aktuell trainiert) auf dem Weg in die Kabine anging? „Kleener, ihr seid ne sichere Anbauwand, soll er (dieser „er“ könnte Wolfgang Altmann gewesen) sein, dereinst zu Scholz gesagt haben. Eine Anbauwand kostete damals um die 4000,- DDR Mark, gemeint war also die Siegesprämie für die damaligen, einzelnen Lok-Spieler. „Kleener, haste meine Tore gesehen?! – hat Ronny König zu mir auf dem Weg in die Kabine gesagt“, berichtet uns im Hier und Heute im Interview nach dem Spiel unser Abwehrspieler Sebastian Hey. Im Spiel selbst gibt der Sebastian dem Ronny die passende Antwort, als er in der 69. Minute zur erneuten Führung für Chemie einköpft. Ich blase in meine Tute wie ein Irrer! Eben haben wir noch Glück, weil den Zwickauern ein nicht wirklich klarer, jedoch möglicher Handelfmeter nicht gegeben wird; dann befinden wir uns in der Abwesenheit von Pech, weil wir selbst in Führung gehen. Nun werden wir es schaffen, da habe ich keine Zweifel mehr. achtelfinale10achtelfinale8In der 61. Minute kommt dann auch noch unser anderer Langzeitverletzter Tim Bunge zu seinem Einsatz. Wie schrieb neulich jemand hier in dieser Kolumne, sinngemäß: „Wenn die Offensive nach der Genesung von Bury durch dessen Zusammenspiel mit Jajima unter Einbeziehung des genesenen Tim Bunge Automatismen entwickelt und in Fahrt kommt, wird sich noch mancher Gegner wundern, was unsere Mannschaft zu leisten im Stande sein wird!“ Okay, zugegeben: Es war meine eigene Prognose, und sie zu stellen, war so schwer nicht. Aber nennt mich Prophet, denn heute ist es soweit; heute dürfen sich schon einmal die Zwickauer wundern. Sie wundern sich derart, dass sie mit ihrer nicht nur die vor 10 Jahren von unseren schon stark alkoholisierten Fans aus Weißenfels erbeuteten Zaunfahne nicht nur diese, sondern, - als Folge daraus, - auch eine der eigenen Fahnen anzünden. Dumm gelaufen, dieser Reformationstag. Für die. Unterdessen pflückt unser Franko-Kanadier, dem sich der Magen umdreht, wenn er hören muss, wie falsch er ausgesprochen wird, einen jeden Torschuss der Zwickauer ab. Sensationell, was auch er heute wieder leistet.

achtelfinale12Auch dieser Schiedsrichter kennt kein Ende. Gefühlte zehn Minuten Nachspielzeit hat er für Zwickau übrig, in Wahrheit sind es wohl eher sechs. Aber es hilft alles nichts, unser Torgarant, Abwehrspieler Manuel Wajer, macht nach einem von Tim Bunge ausgehendem Konter alles klar und verwandelt zum 4:2! Da können sie nach Hause fahren, die Pyro-Helden, die uns über unser Verhältnis zu unserem Bundesland mit einem Spruchband belehren wollen, auf dem zu lesen steht, was wir denn so alles sehen mögen, wenn bei uns dereinst das Flutlicht angeht. Aber erst einmal haben sie das Sehen: Was Einstellung und Auftreten bedeuten-, ausmachen können! Und sie haben sogar auch noch das nach-Sehen. Wir, der große Teil der der Fans von Chemie Leipzig, stehen nicht für das Wahlverhalten der Viel-zu-vielen in großen Teilen von Sachsen! Wir stehen überwiegend für Weltoffenheit, Empathie und Toleranz. Punkt. Und heute haben wir unsere Ur-eigenen vier Thesen an das Tor des Gegners genagelt, als da wären: Kampf, Wille, Einsatz, Leistung. Der Gegner ist am Boden und schleicht sich aus dem Stadion. Überwiegend. Der Rest bestaunt unsere Feier der Chemischen Reform. Mit dem von unseren Siegen gewohnten, Gänsehaut-produzierenden, Huh!-losem Isländer-Klatsch der Fans mit der Mannschaft. Ein sensationeller Sieg vor Wahnsinns-Kulisse von annähernd 5000 Zuschauern! Dieser Reform-Tag wird uns allen unvergesslich bleiben. Nun ist sogar ein Sieg im Sachsenpokal nicht mehr völlig undenkbar, denn mit Chemnitz ist heute auch der letzte Höher-klassige Konkurrent aus dem Rennen geflogen. Wir haben so viel Selbstvertrauen aus diesem Sieg getankt; wir nehmen, wer auch immer da kommt. Sowas von Reform heute! Auf jeden Fall heißt es dann wieder: „Auf geht’s, Chemie; kämpfen und siegen!“
achtelfinale6Copyright all words: Fritz Rainer Polter. Copyright all pictures: Martin Koll.

p.s.: Die Auslosung der nächsten Ansetzungen im Pokal fand in der Halbzeitpause des Pokalspiels der Gärtner am nächsten Tag statt. Henning Frenzel, einer der Helden der Blau/Gelben aus den 60er und frühen 70er Jahren, griff in den Topf, und loste unserer BSG Chemie den Sieger der dort ja gerade laufenden Partie Lok Leipzig vs.Budissa  Bautzen zu. Nach unserer Steilvorlage gegen Zwickau und unter dem Druck eines 0:1 Rückstandes zur Halbzeit wurde deren Aufgabe für die 2. Halbzeit nicht gerade kleiner. Und alle Heiiligen hatten sie offenbar auch nicht auf ihrer Seite; eher keinen. Aber auch ich bin nicht wirklich glücklich. Die Heiligen hätten uns ruhig einmal einen vermeintlich "machbareren" Gegner in der Auslosung zugestehen dürfen. Aber nein: Lok oder Bautzen, war ja klar. Ich hatte auf Oderwitz oder Radebeul gehofft. Auf die Blau/Gelben wirkte die Auslosung offenbar so demotivierend, dass man sang- und klanglos 0:3 im eigenen Stadion unterging. Sang- und Klanglos hingegen ist Chemie niemals. Zum ersten Mal seit ewiger Zeit stehen wir in einem Wettbewerb wieder vor denen. Das ist doch etwas!

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14. Ligaspiel + Victoria Berlin - Chemie Leipzig 3:0 + Platz 15 mit zwölf Punkten

13. Ligaspiel + Chemie Leipzig - VSG Altglienike 1:1 + Platz 15 (von 18) mit zwölf Punkten


Chemie gegen die Alten Aus Der Klinik oder: Das No-Go mit Sanogo

Heute bin ich (bezüglich meiner direkten Freunde) absolut allein im Stadion und stelle mich zu zwei jüngeren, sympathischen Typen, die ich bereits bei anderen Spielen ein wenig kennen gelernt hatte. Wir reden über den Schock des Vortags, die Eilmeldung zur Blitz-Neuverpflichtung bei unserem heutigen Gegner, der VSG Altglienecke, den uns bereits aus höheren Spielklassen bestens bekannten Stürmer Boubacar Sanogo. Angeblich brauche der nur einen Ball und einen Rasen, hätte er gesagt, so die Medien. Beides wäre auch bei uns zu haben gewesen. Finanzielle Erweiterungen, wie man sie in solchen Fällen mutmaßen darf, hingegen kaum.
HL Chemie vs Altglienicke DSCN1980 Vor dem Anpfiff
Davon einmal abgesehen, mag ich unsere Mannschaft so, wie sie ist. Ehrlich. Gewachsen. Manchmal Kampfschweine Sondershausen (wie Oberst Klink* sagt, wenn er sondergleichen meint). Manchmal eine verschworene Gemeinschaft mit Ansätzen von liebenswerter Gutmütigkeit. Mit der schweren, stetigen Tendenz zu ersterem. Wenn wir die Klasse halten, ist alles okay. Dann bauen wir langsam und in Ruhe die nächsten Schritte auf. Falls nicht, werden wir eben noch gesunder und erleben wieder die Aufstiegseuphorie in der Oberliga. Was rede ich denn da?! Mission Klassenerhalt! Wir bekommen das hin!

Aber manchmal möchte man schon verzweifeln, denn das darf doch einfach nicht wahr sein: Im Sommer dauerte es unendliche zwei Wochen, bis Chemie die Spielfreigabe für den Japaner Rintaro Jajima bekam; die VGS Altglienicke schafft selbiges für ihren Neuzugang Sanogo innerhalb von drei Tagen. Da könnte man fast auf den Gedanken kommen, dass diesbezüglich alles bleibt, wie es war: Früher hatte der Deutsche Fußballbund der DDR die Spieler von Chemie zum „Ehrendienst“ bei der Nationalen Volksarmee immer dann eingezogen, wenn wir sie am dringendsten brauchten. Das bedeutete, dass sie bei einem der „Vorwärts“ Armeesportvereine (Dessau, Frankfurt Oder) 1 ½ halbes Jahr gegen uns spielen mussten, und die „Freigabe“ zur Rückkehr (als ob das laut bestehendem Vertrag des jeweiligen Spielers nicht sowieso automatisch hätte geschehen können) oftmals erst dann bekamen, wenn Chemie rechnerisch bereits aus dem Oberhaus abgestiegen war, oder den Aufstieg in selbiges nicht mehr schaffen konnte. Heute ist das Schicksal auf ähnliche Art nachteilig für uns. Denn somit werden mit Sanogo und Torsten Mattuschka an seiner Seite wieder einmal gleich zwei (wenn auch schon leicht verglühende) Sterne der Ersten und Zweiten Bundesliga vergangener Zeiten im Leutzscher Holz auflaufen.

Bei uns ist leider Abwehrspieler Sacha Rode nicht mit von der Partie, weil er sich in Berlin verletzt hat. Bitter, denn gerade hatte er sich in die Stammelf gespielt und ist nun unglaublich wichtig. Fehlt uns nun schmerzlich. Gegen Nordhausen rettete er noch sensationell auf der Linie. Jedoch gibt es auch Grund zur Hoffnung: Unsere Langzeit-Verletzten Tim Bunge und Alexander Bury sitzen endlich wieder auf der Bank. Schiedsrichter Johannes Schipke aus Halle, um es gleich vorweg zu nehmen, zeigt aus (bestimmt nicht nur meiner) Sicht vor allem in der Zweiten Halbzeit eine unterirdische Leistung. Von 10 Entscheidungen fallen 9 so offensichtlich gegen Chemie aus, wie ich es seit den Zeiten der DDR-Oberliga (ich nenne einmal die Namen Prokop und Stenzel) nicht mehr erlebt hatte. Zunehmend entgleitet ihm das Spiel. In der ersten Halbzeit wurde unser Spieler Jajima eindeutig am Trikot festgehalten, der Glienicker war letzter Mann, allein das Team in Schwarz interessierte dies nicht. Kein Pfiff, keine Karte.

In der sechsten Minute erzielt Lars Schmidt mit einem Schuss aus 30 Metern das 1:0 für uns. Großartig, aber vielleicht ein wenig zu früh, denn wir lassen spürbar nach, ermuntern die Glienicker gar zu Offensivaktionen. Star Sanogo lässt sich im Strafraum der unseren vor Lattendresse einfach mal ohne Kontakt fallen. Mich wundert immer noch, dass Herr Schipke, bei seinem sonstigen Pfeifen gegen uns, … nein; lassen wir das. Halbzeit, geschafft. Allgemeines Uff! In der Pause treffe ich meinen alten Kollegen Jens F. vom Bücherinsel-Antiquariat, der gegen einen Infekt kämpft, und sich vor dem Wind auf die Tribüne flüchtete. Verständlich, denn eigentlich gehört er ins Bett, so wie er leidet, aber für Chemie gibt er alles. Schließlich ist er einer unserer Sponsoren.

Auf dem Weg in die Kabinen zur Halbzeitpause hatte Sanogo unseren Torhüter Lattendresse-Levesque scheinbar eingelullt, so freundlich sah deren Gespräch aus. Und prompt erzielt besagter Neuzugang Sanogo in der 48. Minute auch den Ausgleich aus drei Metern Torentfernung. Trotzdem nicht unhaltbar, denke ich. Und: „War ja klar“, fluche ich leise vor mich hin. Möchte wissen, woher die Potsdamer die Kohle nehmen, um sich den Erfolg eben mal so kurz vor dem Spiel gegen uns einzukaufen. Immerhin, auch was wert: Sie rüsten nach, weil sie wissen, dass es gegen uns geht, und wir immer besser in Fahrt kommen.

HL Chemie vs Altglienicke DSCN2007 Nach dem AbpfiffIn der 62. Minute wechselt unser Trainer Dietmar Demuth unseren Lieblingsspieler der vergangenen Saison, und den seit dem unsäglichen Saison-Vorbereitungs-Testspiel in Sandersdorf Langzeit-Verletzten, ein: Alexander Bury. Ein Gänsehaut-Moment unter großem Jubel unsererseits. Als wäre Elli aus Kansas mit dem tötenden Häuschen endlich auf die böse Hexe Gingema gestürzt, ist sofort ein lange bestehender Bann bei uns gelöst. Von einer Sekunde auf die andere werden wir zu einer völlig anderen Mannschaft, voll an wunderbaren Kombinationen zwischen Bury und Jajima. Bury warf sich in die Zweikämpfe wie ein Berserker und gab keinen Ball verloren. Die ganze Mannschaft wirft sich jetzt wie irre in die Partie, verteidigt das Remis, aber glaubt auch an ihre spielerischen Fähigkeiten, indem sie immer wieder offensive Nadelstiche in Form von Kontern setzt. Und damit durchaus erfolgreich hätte sein können. Aber wir werden zunehmend müde, und die Potsdamer spielen zunehmend ihre Klasse aus. Besonders das rüde, respektlose Auftreten von deren Nummer 17, einem gewissen Louis-Nathan Stüwe, erregt unseren Unmut.

Und natürlich der Schiedsrichter. Immer wieder gibt er „Abseits“ gegen uns, wo aus unserer Sicht keines festzustellen war, immer wieder pfeift er eine jede unserer Offensivaktion scheinbar willkürlich ab. Stellvertretend dafür das angebliche Foulspiel unseres Tor-gefährlichen Abwehrspieler Manuel Wajer in der 92. Minute, als jener allein auf das Tor des Gegners Einschuss-bereit zulief.

Wieder einmal wäre für uns mehr drin gewesen. Aber es war ein Spiel vor knapp zweitausend Zuschauern bei beißendem, kalten Nordwind, das vor allem durch die Präsenz von Bury und dessen Zusammenspiel vor allem mit Jajima Hoffnung auf mehr macht. Ein Punkt bleibt in Leutzsch zum Nutzen der Mission Klassenerhalt. Das Pokalspiel gegen Zwickaus steht nun vor der Tür. Und dann gilt wieder unser: „Auf geht’s, Chemie; kämpfen und siegen!“

*(Oberst Klink ist eine Figur aus der Fernsehserie „Ein Käfig voller Helden“)

Tags: Ultras, Hooligans, Autonome, Alfred-Kunze-Stadion, Regionalliga, Dietmar Demuth, BSG Chemie Leipzig, Sachsenpokal, Budissa Bautzen, 1. FC Lok Leipzig, Nordkurve, Diabolos, Kutten

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