Die historische Montagsdemonstration von Leipzig - Serie: 'Mit Faust und Kerze' (6)

In Leipzig jedoch stehen an diesem 9. Oktober die Zeichen auf Sturm. Noch zu gut ist vielen ein Artikel der Leipziger Volkszeitung (LVZ) vom vergangenen Freitag in Erinnerung, in dem ein Kommandeur der DDR-Kampfgruppen mit dem Demonstranten abrechnet. Es sei an der Zei, "diese konterrevolutionären Aktionen endgültig und wirksam zu unterbinden. (....) "Wenn es sein muß, mit der Waffe in der Hand!"

Für diesen 9. Oktober haben die Sicherheitskräfte in der Messestadt Einiges aufgefahren. Mehr als 3.000 Polizisten und acht Kampfgruppenhundertschaften sind im Einsatz. Ausgerüstet sind sie mit Wasserwerfern, LKW mit Sperrschildern und Schützenpanzerwagen. Daneben stehen 1.500 Soldaten der NVA in Bereitschaft. Hinzu kommen 5.000 so genannte "gesellschaftliche Kräfte" – unter ihnen viele SED-Mitglieder und Mitarbeiter der Karl-Marx-Universität - die sich den Demonstranten entgegenstellen sollen. 


Auf der anderen Seite mahnt die oppositionelle Sammlungsbewegung 'Neues Forum' zum Gewaltverzicht. Auch in einem Appell von Leipziger Menschenrechtsgruppen ist dies das bestimmende Thema:



"Enthaltet Euch jeder Gewalt! Durchbrecht keine Polizeiketten, haltet Abstand zu Absperrungen! Greift keine Personen oder Fahrzeuge an! Werft keine Gegenstände und enthaltet Euch gewalttätiger Parolen! Seid solidarisch und unterbindet Provokationen! An die Einsatzgruppen appellieren wir: Enthaltet Euch der Gewalt! Reagiert auf Friedfertigkeit nicht mit Gewalt! Wir sind ein Volk!"

Das Unerwartete geschieht. Nach dem Friedensgebet, dass an diesem Montag in vier Kirchen abgehalten wird – versammeln sich Zehntausende auf dem nahe gelegenen Karl-Marx-Platz. Sie rufen: "Keine Gewalt" und "Wir sind das Volk".

Die Menge marschiert friedlich in Richtung Hauptbahnhof, später am Kaufhaus 'Konsument' entlang, an der Stasi-Zentrale vorbei. Niemand hält sie auf, keine Polizeikette stellt sich ihr in den Weg. Die DDR-Staatsmacht hat an diesem 9. Oktober in Leipzig vor annähernd 100.000 friedlichen Demonstranten ihre Allmacht aufgegeben.

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Die Demonstrationen von Ost-Berlin am 7./ 8.10.'89 - Serie: 'Mit Faust und Kerze' (5)

Am 7. Oktober 1989, dem 40. Jahrestag der DDR, treffen sich um 16 Uhr an der Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz Jugendliche, unter ihnen zahlreiche Skinheads. Bereits Tage vorher macht in Ost-Berliner Hooligangkreisen das Gerücht die Runde, an diesem Tag die 'Bullen aufzuklatschen'. Hinzu kommt, dass an diesem Tag dort Oppositionelle gegen die Fälschungen der DDR-Kommunalwahl im vergangenen Mai protestieren wollen. Wie an jeden 7. des Monats in Ost-Berlin. 



17 Uhr – die Menschenmenge ist auf ein paar Hundert Jugendliche angewachsen – werden politische Losungen gerufen. Es gibt ein Gerangel mit zivilen Sicherheitskräften. Ein ARD-Fernsehteam filmt die Vorgänge. Im gegenüberliegenden Hochhaus entscheidet zu dieser Zeit die dort postierte Polizeieinsatzleitung, den Alexanderplatz nicht zu räumen.



Gegen 17:20 Uhr läuft die Gruppe – mittlerweile auf 3.000 Menschen angewachsen - in Richtung Palast der Republik, wo zur gleichen Zeit eine Veranstaltung mit dem als Reformer bekannten sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow statt findet. Auf der Brücke vor dem Gebäude verperrt eine Polizeikette den Demonstranten den Weg. Es kommt zu verbalen Auseinandersetzungen. In der Folge werden 20 Polizisten ausgetauscht, weil sie bespuckt und beleidigt werden, der Situation nicht mehr gewachen sind.



Auch an einer weiteren Brücke versucht versucht die Polizei, Demonstanten am Weitergehen zu hindern. Die DDR-Sicherheitskräfte befürchten, dass die aufgebrachte Menge auf das Brandenburger Tor zu marschiert. Wenig später ziehen sich die Demonstranten über die Karl-Liebknecht-Strasse in Richtung Prenzlauer Berg zurück. Als sie das Gebäude der staatlichen Nachrichtenagentur ADN passieren, treffen sie auf eine weitere Straßensperre. Hier greifen zivile Trupps der DDR-Staassicherheitsbeamte brutal zu. Es gibt Festnahmen, im DDR-Sprachgebrauch werden sie auch Zuführungen genannt. 
Die Menge der Demonstranten ist inzwischen auf 5. bis 7.000 Personen angewachsen, 
sie bewegt sich in Richtung Gethsemanekirche. Dort findet, wie in den vergangenen Tagen, eine Mahnwache und Führbittgottesdienste für die in Leipzig Verhafteten statt. 


An einer Strassenkreuzung im Prenzlauer Berg treffen sie auf eine weitere Sperrkette. Die Demonstranten durchbrechen die menschliche Barriere aus Mitgliedern der FDJ-Ordnungsgruppe und gelangen damit - nahezu unbehindert – zum damaligen Zentrum der Ost-Berliner Opposition. Im weiteren Verlauf des Abends zieht die Polizei im Prenzlauer Berg starke Kräfte zusammen, richtet dort weitere Strassensperren ein. Auch hier kommt es zu brutalen Festnahmen.

Am 8. Oktober, einem Sonntag, finden in Ost-Berlin zum Anlass des 40. Jahrestages der weitere öffentliche Straßenfeste statt. So auch am Alexanderplatz, im Zentrum der Stadt. Und nur zwei Kilometer vom Brandenburger Tor entfernt. 



Die Einsatzkräfte haben für diesen Tag aufgerüstet. Gehen sie jedoch davon aus, dass zahlreiche frustrierte Ausreiseantragsteller in Richtung Mauer marschieren wollen. Außerdem machen – wie auch schon in Dresden und Leipzig zuvor – Gerüchte die Runde, aufgebrachte Jugendliche würden Polizisten 'hängen' wollen. 


Die 2.000 Besucher der Ost-Berliner Gethsemanekirche sehen sich in dem Abendstunden vor dem Sakralbau einem großen Polizeiaufgebot gegenüber. Fast alle Zufahrtsstrassen sind abgesperrt. Friedliche Demonstranten mit brennenden Kerzen treffen auf hoch gerüstete Sicherheitskräfte, die diesmal Lastwagen mit Stahlgittern aufgefahren haben. 



An diesem Abend kommt es immer wieder zu Attacken. Einsatzkräfte werden beschimpft, mit Steinen, Flaschen und Dreck von Balkonen beworfen. Polizeikräfte dringen deshalb in Wohnungen ein. In der Nacht auf dem 9. Oktober kommt es rund um die Gethsemanekirche dann zu - teils - wahllosen Festnahmen. Frauen und Unbeteiligte werden auf Einsatzfahrzeuge geladen und in sogannte 'Zuführungspunkte' außerhalb der Stadt gebracht. Dort müssen sie sich entkleiden, stundenlang in der Kälte stehen.

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Zeitgeschichte: Übergriffe in anderen Städten - Serie: 'Mit Faust und Kerze' (4)

Mittlerweile haben die Demonstrationen auch auf andere Städte übergegriffen. Es kommt es am 7. Oktober auch in Karl-Marx-Stadt, Jena, Magdeburg und Arnstadt zu Protesten wütender DDR-Bürger. Im vogtländischen Plauen wird ebenfalls demonstriert. Auch hier wird – ähnlich wie in Dresden zuvor – die Durchfahrt von Züge mit Flüchtlingen aus Prag erwartet. 10.000 Menschen sind auf den Beinen, ihnen stehen bewaffnete Sicherheitskräfte mit Wasserwerfern gegenüber. Zusätzlich schwebt ein Polizeihubschrauber über den Demonstranten. Wütend ziehen sie vor das Rathaus, das fast gestürmt wird. Dabei kommt es zu Übergriffen – auf beiden Seiten. Demonstranten werden verprügelt. Einige von ihnen greifen die Polizisten jedoch auch an, beschädigen einen Wasserwerfer. Stundenlang bekommen die Einsatzkräfte die Lage an diesem Tag nicht unter Kontrolle.



In Leipzig wird an diesem 7. Oktober erneut demonstriert. An diesem Tag sind die Kirchen der Innenstadt jedoch geschlossen. Trotzdem versammeln sich einige Menschen in der Innenstadt. Sie sehen sich einer zunehmend brutaler agierenden Staatsmacht gegenüber, die bei den Festnahmen keine Gnade mehr kennt.

 Sie setzen Polizeihunde und - erstmals - auch einen Wasserwerfer ein. Am Rande der Proteste greifen Hooligans des 1. FC Lokomotive Leipzig zivilie Sicherheitskräfte an. Und: in einer Gefangenensammelstelle kommt es zur Revolte. Dort werden die Staatsorgane mit Möbelteilen attakiert.

Ähnliche Szenen gibt es am 7. und 8. Oktober auch wieder in Dresden. Hier gewinnen langsam die friedlichen Demonstranten gegenüber den gewaltbereiten Protestierern – unter ihnen viele Ausreisantragsteller – die Oberhand. Am Abend des 8. Oktober werden auf der Prager Straße Protestierende von Polizeieinheiten eingekesselt. Als sie sich singend – und mit Kerzen in den Händen niederlassen – initieren zwei Kaplane ein Gespräch mit dem Polizeieinsatzleiter. Sie werden aufgefordert, aus ihren Reihen ein Verhandlungsteam zusammenzustellen. Die Dresdener 'Gruppe der 20' entsteht. Sie soll in den folgenden Tagen Gespräche mit offiziellen SED-Vertretern führen. Die Demonstranten können an diesem Abend ungehindert nach Hause gehen.

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Zeitgeschichte: Die Ereignisse von Dresden - Serie: 'Mit Faust und Kerze' (3)

Am Abend des 3. Oktober 1989 spitzt sich die Situation auf dem Dresdener Hauptbahnhof zu. Der Grund: mehrere verschlossene Züge mit Botschaftsflüchtlingen aus Prag sollen über Dresden in die Bundesrepublik rollen, wie schon wenige Tage zuvor. Das man hier vielleicht noch auf die Züge gen Westen aufspringen kann, hat sich unter Ausreiseantragstellern in der ganzen DDR herumgesprochen. Hinzu kommt, dass die DDR aufgrund der Vorfälle in Prag, für Reisen in die CSSR einen Visumszwang eingeführt hat. 



Gegen Mitternacht versammeln sich auf dem Hauptbahnhof etwa 2.000 Menschen, wollen auf die Züge gen Westen aufspringen. Es kommt zu Bahnsteigblockaden. "Wir wollen raus", hallt es durch die Dresdener Kuppelhalle. Die DDR-'Volkspolizei' hat bis in die frühen Morgenstunden zu tun, die Ausreisewilligen – die zu allem bereit sind – aus dem Bahnhof zu drängen. 



Ähnliche Szenen wiederholen sich am 4. Oktober. Diesmal sind allerdings bis zu 20.000 Menschen zum Dresdener Hauptbahnhof gekommen. Als es dunkel wird, versuchen einige Hundert von Ihnen den Bahnhof zu stürmen. Sie wollen – wie am Vortag – zu den Zügen, die nach einer Verspätung von mehr als 20 Stunden Prag mittlerweile gen Dresden verlassen haben. 





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Zeitgeschichte: Der 2. Oktober 1989 in Leipzig - Serie: 'Mit Faust und Kerze' (2)

Nach dem Friedensgebet, das an diesem Montag bereits in zwei Leipziger Innenstadtkirchen ausgerichtet wird, strömen zwischen 20. bis 25.000 Menschen auf den zentral gelegenen Karl-Marx-Platz. Von dort aus geht es erneut in Richtung Hauptahnhof, wo die Demonstranten auf massive Polizeiketten treffen. 
Hier kommt es zur Gewalt. Hooligans des Fußballclubs 1. FC Lokomotive Leipzig greifen, so berichten es mehrere Augenzeugen, die Polizisten direkt an. Es kommt zu Schlägereien. Polizeimützen werden entwendet, Gummiknüppel gestohlen. Die Absperrung der Polizei wird durchbrochen – die Demonstranten können weiter laufen.



Ähnliches passiert wenig später erneut. Diesmal in der Nähe des Kaufhauses 'Blechbüchse'. "Durch Gruppen Jugendlicher und Einzelpersonen wurden die Sperrketten der DVP (Deutsche Volkspolizei, die Redaktion) durchbrochen. Dabei gab es tätliche Angriffe gegen VP-Angehörige und grobe Beschimpfungen." So steht es in einer internen SED-Information vom Tag danach. Dem 3. Oktober 1989.



Nachdem sie die Polizeiketten durchbrochen hatten gehen rund 1.500 Demonstranten 
auf dem Ring weiter, passieren die Leipziger Bezirksbehörde der Staatssicherheit, die sogenannte ‚Runde Ecke’. Wenige hundert Meter weiter schlägt die Polizei mit 'Sonderkräften' vor der Thomaskirche zu. Schlagstöcke und Hunde werden eingesetzt. Es kommt zu Verletzten und zahlreichen vorläufigen Festnahmen. Was neu ist: in der Nähe des Marktplatz wehren sich Hooligans, Punks und Anarchisten gemeinsam und körperlich gegen die Angriffe der Staatsmacht. Immerhin: die Leipziger Demonstranten haben es an diesem 2. Oktober 1989 zum ersten Mal geschafft, den halben Innenstadtring zu umrunden. Weiter waren sie bisher noch nie. 



An diesem Tag wird in der Ost-Berliner Gethsemanekirche unter dem Motto: "Freiheit für die politisch Inhaftierten" eine ständige Mahnwache eingerichtet. Sie ist als moralische Unterstützung für die immer noch in Haft sitzenden 19 Leipziger Oppositionellen gedacht. In den Tagen danach entwickelt sich die Gethsemanekirche immer mehr zu einem Kommunikationszentrum der Opposition. Zu einer Anlaufstelle für besorgte und empörte Jugendliche, aber auch für wissbegierige westliche Journalisten.

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Zeitgeschichte: Die Situation bis zum Herbst '89 - Serie: 'MIt Faust und Kerze' (1)

Seit Beginn des Jahres war die innenpolitische Situation in der DDR durch zahlreiche Demonstrationen und Proteste geprägt. Während sich diese in den Jahren zuvor, vorallem im Umfeld der Kirchen konzentrierten, kam es ab Januar 1989 zu neuen Protestformen. Die Demonstraten verließen bewusst dass schützende Dach der Kirche, suchten die öffentliche Auseinandersetzung mit dem DDR-Staat.

Bereits am 15. Januar 1989 kam es in der Leipziger Innenstadt zu einer unabhängigen Demonstration für Presse-, Meinungs,- und Versammlungsfreiheit. Obwohl 53 Menschen vorläufig festgenommen wurde - und die Organisatoren der Demonstration in Haft saßen - kamen alle in den Tagen danach wieder frei. Dies ermunterte die Leipziger Organisatoren zu weiteren öffentlichkeitswirksamen Aktionen.

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Am 7. Mai 1989 wurde auf dem Marktplatz gegen die DDR-Einheitswahl protestiert, im Juni ein Umweltmarsch abgehalten und ein Straßenmusikfestival in der Innenstadt organisiert. Bei all diesen Aktionen gab es vorläufige Festnahmen und saftige Geldstrafen.

Aber auch in anderen Städte wurde gegen den Ausgang der DDR-Kommunalwahlen protestiert. So veranstalteten Oppositionelle in Ost-Berlin am 7. Juni eine Schweigemarsch gegen die gefälschten Ergebnisse der 'Einheitswahl'. Auch hier griff die DDR-Staatsmacht zu.

Währenddessen verlassen Tausende von Ausreiseantragstellern die DDR via Ungarn in Richtung Westen. Eine innenpolitische Krise deutet sich an.

Am 4. September - nach der Sommerpause bei den montäglichen Friedensgebeten in der Nikolaikirche - entrollten Leipziger Oppositionelle erstmals öffentlich Transparente. Auf einem stand: "Für ein offenes Land mit freien Menschen". Auf einem anderen: "Reisefreiheit statt Massenflucht". Zivilkräfte der DDR-Staatssicherheit griffen brutal zu, entrissen den Protestierenden die Transparente.

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"Stasi raus, Stasi raus". Den Protest vor den westlichen TV-Kameras konnten sie an diesem Messemontag in der Leipziger Innenstadt jedoch nicht verhindern. Wenig später ziehen ungefähr 500 Menschen - angeführt von Ausreiseantragstellern, die ihr Anliegen in die westlichen Kameras rufen - in Richtung Hauptbahnhof.

Für ihre öffentliche Niederlage revanchierten sich die DDR-Sicherheitsorgane in den Wochen danach. Sowohl am 11. und 18. September war der Nikolaikirchhof von Polizisten hermetisch abgesperrt, gab es zahlreiche vorläufige Festnahmen. Gegen mehr als ein Dutzend Leipziger Bürgerrechtler wurden sogar Haftbefehle erlassen.

Am 25. September gelang es dann - im Anschluß an das Montagsgebet in der Nikolaikirche - eine Demonstration zu veranstalten. Rund 5.000 Menschen schlossen sich ihr an. Sie forderten Reformen in der DDR und die Zulassung der oppositionellen Sammlungsbewegung 'Neues Forum'. Vom nahe gelegenen Karl-Marx-Platz zogen sie über den Innenstadtring bis zum Leipziger Hauptbahnhof. Die DDR-Sicherheitskräfte wirkten an diesem Tag überrascht, überfordert. Dies war der größte Protestmarsch bis dahin in der DDR, seit dem Aufstand vom 17. Juni 1953. Stasi-Chef Erich Mielke bewertete die Ereignisse so:

"Insgesamt ist einzuschätzen, dass unter solchen Bedingungen wie am 25. September 1989 in Leipzig, ohne den Einsatz polizeilicher Mittel, z. B. Wasserwerfer und Schlagstöcke, sowie die polizeiliche Zuführung und Gewahrsamsnahme einer größeren Anzahl von Personen die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit nicht mehr zu gewährleisten ist."

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Serie: Mit Faust und Kerze - Warum die 'Friedliche' Revolution so friedlich nicht war

von Fred Kowasch

Die Ereignisse vom Herbst 1989 gelten - nicht nur unter Historikern - als 'Friedliche Revolution'.Als einzige Revolution in der deutschen Geschichte, die erfolgreich endete und unblutig verlief. Symbole wie brennende Kerzen, Begriffe wie 'Gewaltloser Widerstand' und die Rufe "Wir sind das Volk" sind es, die das Bild von den Ereignissen in Leipzig, Dresden, Plauen und Berlin auch nach 30 Jahren öffentlich prägen.

Dieses überlieferte Bild ist - in Teilen – ungenau und unzutreffend. Gleichwohl verliefen fast alle Demonstrationen und Protestaktionen bis in den Herbst '89 hinein friedlich. Zwischen dem 2. und 8. Oktober eskalierte jedoch die innenpolitische Lage.

In Leipzig durchschlugen am 2. Oktober aufgebrachte Demonstranten auf dem Innenstadtring mehrere Sperrketten der Polizei, griffen am 7. Oktober Hooligans Staatssicherheitsangehörige an, kam es zur Rebellion in einer Gefangenensammelstelle.

In Dresden bestimmten bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen das Bild. Vor dem Hauptbahnhof wurden Wasserwerfer und Tränengasgranaten von Sicherheitskräften eingesetzt. Behelmte Demonstranten zerstörten Geschäfte und bewarfen die Einsatzkräfte mit Steinen und Molotowcocktails. Ein Polizeieinsatzwagen brannte vollständig aus.

In Ost-Berlin – der Hauptstadt der DDR - wurden Sicherheitskräfte angegriffen, sahen sich die Ordnungshüter des 'Arbeiter- und Bauernstaates' massiven Anfeindungen ausgesetzt.

In Plauen flogen Plastersteine, wollten wütende Demonstranten das Rathaus der Stadt stürmen. Während der Auseinandersetzungen konnte sich der Fahrer eines zum Wasserwerfer umfunktionierten Wagens der Feuerwehr nur in letzter Minute vor den militanten Angreifern retten.

interpool.tv legt diese Ereignisse in einer Serie detailliert dar. Fakten und Begebenheiten, die es in dieser Dichte so noch nicht gab. Und die belegen: die offizielle Sichtweise auf die 'friedliche Revolution' in der DDR ist ungenau. Wenn nicht sogar in Teilen falsch.

Für diese Enthüllungsgeschichte haben wir in zahlreichen Archiven recherchiert, uns in den vergangenen Jahren mit den damaligen Einsatzleitern der DDR-Polizei von Ost-Berlin und Leipzig getroffen. Aber auch mit Demonstranten gesprochen, die damals selbst Gewalt ausgeübt haben. Eine Hintergrundstory, die es in sich hat.

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Vor 30 Jahren: Erstmals Transparente vor der Nikolaikirche (4. September 1989)

von Uwe Schwabe

"Nach dem Kirchentag gingen die Friedensgebete in die Sommerpause. Während dieser Zeit versuchte die Staatsführung den Kirchenvorstand von St. Nikolai dahingehend zu beeinflussen, die Friedensgebete am 4. September nicht wieder beginnen zu lassen. Der Kirchenvorstand lehnte jedoch dieses Ansinnen ab. So wurde das erste Friedensgebet wie geplant am ersten Montag im September, dem Messemontag durchgeführt.

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Auch den Mitgliedern der Basisgruppen war klar, daß von den Ausreiseantragstellern, denen man den Weg nach Ungarn oder in die CSSR versperrt hatte, wieder eine spontane Demonstration ausgehen würde. Die große Öffentlichkeit durch westliche Joumalisten sollte diesmal aber nicht alleine den Antragstellern überlassen werden. Einige Mitglieder von Basisgruppen entschieden sich, mit eigenen Transparenten an die Öffentlichkeit zu gehen.

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Zeitgeschichte: "Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne ...."

von Fred Kowasch

Es gibt dieser Tage ein gern verwendetes schwarz-weiss Photo. Ein paar Jugendliche - untergehakt - auf einer Demonstration im Anschluß an ein Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche. Aufgenommen  von einem SPIEGEL-Photographen am Abend des 4. September 1989. Dieses Photo vermittelt ein falsches Bild. 

Denn die Situation - so erzählen es die Beteiligten übereinstimmend - zeigt eben keine Demonstration, die da gleich mit Hunderten durch die Leipziger Innenstadt loszieht. Schon kurz nach diesen Aufnahmen müssen die jungen Bürgerrechtler feststellen: die Masse folgt uns nicht.

Die Anderen - rund Tausend an der Zahl - stehen derweil vor den Kameras westdeutscher TV-Stationen. Sie rufen: "Wir wollen raus!, Wir wollen raus!". Immer und immer wieder. Ausreiseantragsteller, die ein privates Anliegen haben. Und die die Öffentlichkeit dafür nutzen. Es ist - an diesem Tag - die faktische Spaltung einer neu entstandenen Bewegung. Einer Bewegung, die in der DDR 1989 den Aufstand probt. Und die bis dahin - zumindest in Leipzig - in einer Art symbiotischen Beziehung zueinander die SED-Diktatur herausgefordert hat.
wir wollen raus 04091989"Wir wollen raus!, Wir wollen raus!" - Ausreiseantragsteller am 4. September 1989 vor der Leipziger Nikolaikirche - Photo: Helmut Neumann

Natürlich kann ich viel erzählen. Von den ersten kleineren Aktionen im Anschluß an die Friedensgebete, Montags in Leipzigs Innenstadt. Von Flugblätter verteilen, in Warenhäusern und in der Volkshochschule. Von ersten - unabhängigen - Demonstrationen. Als wir sprichwörtlich die Straße eroberten. Als aus hundert Kirchengängern mehr als achtmal so viele Entschlossene wurden. Die Festnahmen, Verhöre, endlos wirkende Tage im Stasi-Knast. Zeitgeschichte ist dies mittlerweile, gerade wird sie intensiv diskutiert.

Endlich. Viel zu lange haben sich die beteiligten Akteure klein gemacht, die Deutungshoheit irgendwelchen westdeutschen Historikern überlassen. Jetzt - 30 Jahre später - sagen sie, dass ist unsere Revolution. Wir waren die Mutigen, dieses Erlebnis lassen wir uns von euch nicht nehmen. Revolutionen, gab (und gibt) es in diesem Land viel zu selten. Erfolgreiche schon gar nicht. Der 'deutsche Michel' zeichnete sich seit jeher eher durch Untertanengeist, Feigheit und Denunziantentum aus. Damals wie heute.

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Vor 30 Jahren: Was ist los in Leipzig?

was ist los in leipzig1 Teaser
septemberdemo 1989 leipzigProteste für Versammlungs- und Meinungsfreiheit am 4. September 1989 vor der Nikolaikirche in Leipzig
Foto: Helmut Neumann / Fred Kowasch - All Rights Reserved

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"Ich bin sicher, dass in Zukunft nicht nur ein paar Hundert, sondern ein paar Tausend Menschen an Demonstrationen teilnehmen werden."


Eine gewagte Prognose aus dem Sommer 1989. Abgegeben am Ende des fünfseitigen Textes. In Kenntnis der Situation in der DDR, in Kenntnis geplanter Aktionen Leipziger Oppositionsgruppen. Dass dies schon Ende September in Leipzig Wirklichkeit werden sollte, hatte auch ich nicht ernsthaft erwartet.


Den oben abgebildeten Text habe ich auf Anregung des Journalisten Roland Jahn (ARD-Kontraste, ZDF-'Kennzeichen D') im Juli 1989 geschrieben. Er war zur Veröffentlichung in der tageszeitung (taz) und der Frankfurter Rundschau gedacht.

Abgedruckt hat ihn dann keine der beiden Zeitungen. Das Interesse an Themen aus Leipzig war - damals - zu gering. (Fred Kowasch)

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Vor 30 Jahren: Wie die DDR-Diktatur Oppositionelle drangsalierte

Am 7. Mai 1989 fanden in der DDR Kommunalwahlen statt. Zum ersten Mal in der Geschichte des anderen deutschen Staates versuchte die Opposition - versuchten Bürgerrechtler - die Auszählung der Wahlergebnisse zu kontrollieren. Dabei stellten sie in Ostberlin, Leipzig, Halle und Dresden erhebliche Unterschiede zu den offiziell verkündeten Wahlergebnissen fest. Sowohl was die Höhe der Wahlbeteiligung anbelangte, als auch den Prozentanteil der Nein-Stimmen. Am Abend der Kommunalwahl selbst fand in Leipzig eine Protestversammlung auf dem Marktplatz in der Innenstadt statt. Dabei kam es zu vorläufigen Festnahmen durch die DDR-Sicherheitsorgane. Bereits im Vorfeld hatte es zahlreiche Kontrollmaßnahmen durch sie gegeben.

Der vorliegende Schriftstück ist ein Originaldokument aus dieser Zeit. Darin berichtet ein Augenzeuge über zahlreiche Zwangsmaßnahmen im Umfeld der Kommunalwahl in Leipzig. Dass darin erwähnte (illegale) Cafe befand sich in der Zweinaundorfer Strasse 20a im Leipziger Osten. Seit dem Frühjahr 1989 hatte sich dort ein Treffpunkt der DDR-Undergroundszene etabliert.
ddr kommunalwahlen

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